Bücherschau der Woche
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Klappentext
Mit einem Vorwort von Richard Dawkins. Wir Menschen sind erstaunliche Wesen. Unsere Körper sind in der Evolution - genau wie die aller Tiere - durch natürliche Selektion entstanden, und doch unterscheiden wir uns von sämtlichen anderen Geschöpfen in vielfältiger Weise. Wir nutzen Sprache zur Kommunikation. Wir führen Kriege, glauben an Religionen, bestatten unsere Toten und sind bei Sex-Themen peinlich berührt. Wir sehen fern, fahren Auto und essen Eis. Warum sind wir so anders? Als einzige Vertreter unter den Tieren vermögen Menschen andere zu imitieren und können so Ideen, Angewohnheiten, Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Erfindungen, Lieder und Geschichten untereinander kopieren. All das sind Meme, ein Begriff, den Richard Dawkins 1976 am Ende seines Buches "Das egoistische Gen" geprägt hat. Wie Gene sind auch Meme Replikatoren; sie wetteifern darum, in so viele Gehirne wie möglich zu gelangen, und diese Konkurrenz der Meme hat unseren Geist und unsere Kultur geformt, so wie die natürliche Selektion unsere Körper modelliert hat.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.04.2001
Ulrich Woelk hat einen Essay geschrieben. Die Sache mit den Memen hat ihn wirklich beschäftigt. Woelk, Physiker, Erzähler und Rezensent in Personalunion, droht dabei, den Text Susan Blackmores aus dem Blick zu verlieren. Die Autorin, teilt er mit, definiere Meme als die Informationseinheiten, aus denen sich die Gesamtheit der kulturellen Überlieferungen einer Gesellschaft zusammensetze und vergleiche sie darin, dass sie einem darwinistischen Ausleseverfahren, einem "survival of the fittest" unterlägen, den ihrerseits eine Evolution durchlaufenden Genen. Die im Buch präsentierte Liste exemplarischer Meme findet Woelk aber viel zu lang und unspezifisch, als dass ihm die Parallele zur "klar definierten materiellen Struktur" eines Gens einleuchten wollte: "Wenn alles ein Mem sein kann, dann läuft der Begriff Gefahr, sich selbst zu neutralisieren."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2000
In einer Mehrfachbesprechung stellt Richard Kämmerlings - neben eigenen Überlegungen zum Thema im Anschluss an Arnold Gehlen - neueste Literatur zu Evolutionstheorie und evolutionärer Anthropologie vor.
1) Blackmore "Die Macht der Meme"
Susan Blackmore unternimmt - Hinweise von Richard Dawkins und des Philosophen Daniel Dennett aufgreifend - den Versuch, auch kulturelle Phänomene evolutionär, im Rückgriff auf das Konzept des "Mems" zu erklären. Richard Kämmerlings lässt immer wieder seine Skepsis durchblicken, was den Erklärungswert der Methode betrifft. Durch die Konzentration ihrer Analyse auf das Paarungsverhalten lade Blackmore zur Reduktion der Meme auf Gene ein, zudem, so der Rezensent, kommt ein fundamentales Prinzip der Evolution zu kurz: die Variation. Letztlich erweise sich die vermeintlich neue Memetik als "Schleichweg kultureller Evolutionstheorien hin zu einer neuen Sonderstellung des Menschen" - und damit als wenig originell.
2) Weber "Darwin und die Anstifter"
Webers Buch ist eine "Archäologie des Darwinismus", so der Rezensent, die bei aller Anstrengung zur Ausgewogenheit doch mitunter "das Kind mit dem Bade" ausschüttet. Aufschlussreich findet Kämmerlings das zitierte Beispiel der Heckenbraunelle, die weitaus weniger monogam ist, als man einst annahm, kritikwürdig dagegen, dass Weber es sich mit der Konstruktion des Gegenstands seiner Kritik zu einfach macht: der "viktorianische Evolutionismus" könne heute kaum mehr der angemessene Gegner sein.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000
Darwinismus und kein Ende: Helmut Mayer sind ein neuedierter Originaltext vom Meister selbst und drei Neuerscheinungen Anlass zu einem gut verständlichen Streifzug durch der Thesenurwald der “Selektion” und ihrer Auswüchse.
1) Thomas P. Weber: `Darwin und die Anstifter`
Mayer bescheinigt dem Biologen und Wissenschaftshistoriker Weber eine “durchaus erhellende” Traditionslinie ausgemacht zu haben, wenn er die gegenwärtige Auseinandersetzung zwischen “Strukturalisten” und “Adaptionisten” auf Debatten vor Darwin bezieht, die diesen prägten. Strukturalisten, das sind heute die, die auf stabile (genetische) Grundstrukturen setzen, Adaptionisten dagegen betonen die Anpassungsleistung des (menschlichen) Organismus. Mayer freut sich, dass Weber die “evolutionäre Psychologie” als Erbe der Soziobiologie “kritischen Abwägungen” unterzieht. Das Gehirn als Computer aus Verhaltensmodulen - und damit die Übertragung des Selektionsmechanismus auf (kulturelle) Verhaltensweisen - hält er für Mumpitz.
2) Blackmore: `Die Macht der Meme`
Dementsprechend hält er auch nichts von Blackmores “nüchtern-naiver Theorie” der “Meme” als Basiseinheit der kulturellen Evolution qua Selektion und Pendant der “Gene”. Richard Dawkins (“Das egoistische Gen”) hatte eher assoziativ den Begriff geprägt. Die Pointe ist für Mayer, dass damit das Prinzip der Selektion zwar universalisiert wird, der “genetische Determinismus” aber aufgehoben. Und direkt lustig findet er, dass Blackmore über die Hintertür die Erlösung reinlässt: Der Mensch könne sich nämlich von der Memen-Abhängigkeit befreien. Ob Blackmore sagt, wie, verrät Mayer nicht.
3) H. und St. Rose: `Alas, Poor Darwin` und `Darwin: Ausdruck der Gemütsbewegungen`
Klar, dass Mayer das Erscheinen des Bandes “Arguments against Evolutionary Psychology” begrüßt (nur auf Englisch, 17.99 engl. Pfund). Dort werden die “Schwächen des Ansatzes unbarmherzig … durchdekliniert” und Mayer schickt bissig hinterher, dass jüngst aus der EvoPsycho-Ecke die “Vergewaltigung … zur Sicherung der Reproduktion von benachteiligten Männern” bezeichnet wurde. Eine Möglichkeit der Kritik bietet für ihn (wie für Thomas P. Weber) aber auch Darwin selbst. Für den war das Prinzip der Selektion “nicht der einzige Weg der Veränderung”. Und über die “Gemütsbewegungen” hat er nur spekuliert - wissentlich.
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