Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
1995 veröffentlichte Binjamin Wilkomirski im Suhrkamp Verlag sein Buch "Bruckstücke". Er beschreibt darin, wie er als kleines Kind die Internierung in zwei Konzentrationslagern überlebte und in die Schweiz kam. Das Buch erhielt begeisterte Kritiken und zahlreiche Preise, es wurde mit Primo Levis Meisterwerken verglichen und in neun Sprachen übersetzt. Als der Vorwurf auftauchte, diese KZ-Biografie sei erfunden, kam es zu einer erbitterten Kontroverse um den Fall Wilkomirski. Stefan Mächler rekonstruierte schließlich das erschütternde Leben des Bruno Grosjean und zeichnet nach, wie aus ihm Binjamin Wilkomirski wurde. Er hatte als erster vollständigen Zugang zu allen Akten und stieß in zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen auf Fakten, die Wilkomirskis Geschichte vollkommen in Frage stellen. Mächler macht deutlich, wie Zeitzeugenliteratur rezipiert wird und was dies für unsere Erinnerung an den Holocaust bedeutet.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2000
In einer Doppelkritik bespricht Elisabeth Bauschmid zwei Bücher zum "Fall Wilkomirski":
1) Elena Lappin: "Der Mann mit den zwei Köpfen" (Chronos Verlag)
Über dieses Buch lässt Bauschmid allerdings nur eine Bemerkung fallen: Lappin schreibe in ihrer "Skizze" des Falls durchaus nicht ohne Mitleid, obwohl sie zu den "zunächst Getäuschten" gehörte. Ebenso wenig wie Mächler erliege sie dabei der Gefahr, angesichts der "geliehenen Biografie" dieses Autors, der sich eine Identität als Holocaust-Opfer andichtete, in "Amateurpsychologie" zu verfallen.
2) Stefan Mächler: "Der Fall Wilkomirski" (Pendo Verlag)
Wesentlich ausführlicher geht die Rezensentin auf Mächlers Buch ein und erinnert zunächst daran, dass Mächler der vom Suhrkamp-Verlag bestellte Gutachter war, der dann endgültig die Fälschung belegte. Ein wenig, so Bauschmid, merke man es dem Buch an - es sei als Gutachten für den interessierten Leser teilweise allzu detailliert belegt. Interessant findet die Rezensentin es aber immer dann, wenn Mächler die ergriffene Reaktion des Publikums und der Kritik auf Wilkomirskis (oder eigentlich Bruno Doessekers) gefälschte Biografie analysiert. Mächler sehe hinter dieser Ergriffenheit eine "subtile Form der Abwehr" aufscheinen, referiert die Rezensentin, die gegen diese Interpretation der Publikumsreaktionen nichts einzuwenden hat. Bauschmid erinnert auch daran, dass es schon vor Erscheinen "deutliche Warnungen" an die Adresse des Suhrkamp-Verlags gegeben habe.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.07.2000
Einleitend erinnert Hans-Martin Lohmann an das Buch "Bruchstücke", das der Schweizer Bruno Dösseker 1995 unter dem Namen Binjamin Wilkomirski veröffentlichte und in dem er - angeblich jüdischer Herkunft - über seine Kindheitserlebnisse in Majdanek und Auschwitz berichtete. Drei Jahre später wurden diese Erlebnisse jedoch als frei erfunden entlarvt. Lohmann stellt klar, dass Mächlin in seinem Buch an keiner Stelle anzweifelt, dass es sich bei "Wilkomirskis" Erinnerungen um eine Fälschung handelt, auch wenn dieser heute noch auf der Authentizität seiner Geschichte besteht. Für den Rezensenten ergeben sich daraus mehrere Fragen: Zum einen fragt er sich, wie es möglich ist, dass jemand sich die "Opferidentität" derartig zu eigen macht, dass er selbst daran glaubt. Zum anderen müsse man sich fragen, welche Rolle die "recovered memory therapy" spiele, die besonders in den USA populär ist. Von der Person "Wilkomirski" abgesehen weist der Rezensent auch auf die "unkritisch-enthusiastische Rezeption" in der Öffentlichkeit hin, zumal von Anfang an verschiedene Widersprüche in den "Bruchstücken" bekannt geworden seien, denen aber wenig Beachtung geschenkt wurde. In seinen Augen leistet Mächlers Buch einen wichtigen Beitrag, der "historischen Wahrheit" in dieser Angelegenheit auf die Spur zu kommen.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2000
Christiane Zintzen zeichnet den Fall Wilkomirski noch einmal nach, bevor sie auf Mächlers Untersuchung über die gefälschte Biografie zu sprechen kommt: Es geht um das umstrittene, mittlerweile sogar gesperrten Werk von Binjamin Wilkomirski alias Bruno Doessekker "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948", erschienen bei Suhrkamp im Jahre 1995 und bald darauf Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Die vermeintliche Biographie wurde 1998 von einem Daniel Ganzfried als Fälschung bezeichnet, weil Wilkomirski - anders als sein Ich-Erzähler - nie Häftling in einem Konzentrationslagers gewesen war. Die Rezensentin ist beeindruckt von dem Material, dass Mächler zusammengetragen hat und der behutsamen Rekonstruktion von Wilkomirskis Geschichte. Dass es in der Darstellung Wiederholungen und Längen gibt, scheint ihr dagegen unbedeutend zu sein. Auch mit dem Erklärungsansatz des Autors, "dass die Rezeption als faktischen Realismus auffasste, was Wilkomirski als psychische Realität verstand", ist Zintzen einverstanden. Wie Mächler sind ihr die Fälschungsvorwürfe Ganzfrieds zu einfach. Die in dem Buch vertretene Auffassung, dass Wilkomirskis "Über-Identifikation" mit den Opfern des Holocausts eine eigene "psychische `Wahrheit`" beinhalte, erscheint ihr dagegen der "sanftere Weg" zu sein. Zintzen weist noch auf ein anderes Buch zu diesem Thema hin, ohne jedoch weiter darauf einzugehen: "Der Mann mit zwei Köpfen" von Elena Lappin, erschienen im Chronos Verlag, 2000.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
Von Lesern empfohlene Bücher
Erhard Oeser: Das Reich des Mahdi
Mit 33 Abbildungen. 1885 erschütterte die westliche Welt die Nachricht vom Fall der Stadt Khartum und der brutalen ...
Lukas Hartmann: Räuberleben
Geächtet, verteufelt, gejagt das ist das Schicksal des Räuberhauptmanns Hannikel und seiner Familie. Ein historischer ...
Archiv: Bücherschauen
Krisen des modernen Ichs
26.05.2012: FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3
07.05.2012: Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Goncalo M. Tavares: Die Versehrten
19.04.2012: Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen
Laszlo Vegel: Sühne
12.04.2012: Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen








