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Klappentext
Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Herausgegeben von Siegfried Heinrichs.
Rezension Perlentaucher
Es sind keine Memoiren, es sind - wie der Untertitel ganz richtig sagt - Erinnerungen. Sandor Marai sitzt im amerikanischen Exil und versucht möglichst ruhig sich und seinen Lesern zu vergegenwärtigen, wie er den Einmarsch der Russen in Ungarn erlebte. Er tut es mit dem Blick für das einprägsame Detail, dem man sich sofort anvertraut, demgegenüber aber gerade darum äußerste Vorsicht angebracht ist. Eines Morgens übernimmt ein russischer Konvoi Marais Haus und Hof. In wenigen Stunden haben die Soldaten eine Reparaturwerkstatt für ihre Fahrzeuge und das Kriegsmaterial eingerichtet. Vierzehn Tage bleiben sie dort. In dieser Zeit haben sie alles zerstört. Nicht weil sie es wollten, sondern, weil sie, wenn sie zum Beispiel ein Brett brauchten, es aus einer Tür herausbrachen, statt sich ein neues zuzuschneiden...
Lesen Sie mehr in Arno Widmanns 'Vom Nachttisch geräumt'
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.09.2000
In einer sehr umfangreichen Sammelbesprechung rezensiert Klaus Harpprecht mehrere Bücher von Sandor Marai. Dabei informiert der Rezensent nicht nur ausführlich über das Leben des Dichters, sondern bringt auch mehrfach sein Bedauern, ja Entsetzen darüber zum Ausdruck, dass Marai - den er in mancher Hinsicht mit Joseph Roth, Stefan Zweig, Robert Musil und anderen in eine Reihe stellt - so lange Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten ist. "Wo hatten wir unsere Augen, wo unsere Ohren?", fragt Harpprecht, der sich von der Neuentdeckung von Marais Werken begeistert zeigt. Harpprecht weist zunächst darauf hin, dass die beiden Bände "Land, Land" bereits 1972 in Kanada erschienen sind. Marais erinnert sich hier, wie der Leser erfährt, an den Einmarsch der Sowjetarmee in Budapest, die er und seine Frau damals als Befreiung erlebt haben, auch wenn sie wussten, dass es keineswegs eine wirkliche Freiheit bedeutete. Früh habe Marai den "schleichenden Prozess der Gleichschaltung" bemerkt, besonders als er feststellte, dass die Sicherheitspolizei 1946 nicht nur das Gebäude der faschistischen 'Pfeilkreuzler' bezog, sondern auch aus den gleichen Leuten bestand. Marai und seiner Frau gelingt die Ausreise in die Schweiz und damit in die Freiheit, die allerdings wiederum als beängstigend erlebt wird.
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Rezensionsnotiz zu , 27.05.2000
Es sind keine Memoiren, es sind - wie der Untertitel ganz richtig sagt - Erinnerungen. Sándor Márai sitzt im amerikanischen Exil und versucht möglichst ruhig sich und seinen Lesern zu vergegenwärtigen, wie er den Einmarsch der Russen in Ungarn erlebte. Er tut es mit dem Blick für das einprägsame Detail, dem man sich sofort anvertraut, demgegenüber aber gerade darum äußerste Vorsicht angebracht ist. Eines Morgens übernimmt ein russischer Konvoi Marais Haus und Hof. In wenigen Stunden haben die Soldaten eine Reparaturwerkstatt für ihre Fahrzeuge und das Kriegsmaterial eingerichtet. Vierzehn Tage bleiben sie dort. In dieser Zeit haben sie alles zerstört. Nicht weil sie es wollten, sondern, weil sie, wenn sie zum Beispiel ein Brett brauchten, es aus einer Tür herausbrachen, statt sich ein neues zuzuschneiden.
Márai schildert die Brutalität, mit der Dinge zerstört werden, ohne Empörung. Er schildert aber nicht um des Schilderns willen, sondern er schildert, als würde er fragen. Er versteht die russischen Soldaten nicht. Die Tür, die sie zerbrechen, schützt sie nicht mehr vor dem Nachtwind. Der Leser fragt sich, sind alle Soldaten so? Ist das der Krieg? Am Ende denkt er: Mit dem Krieg hat das nichts zu tun. So wie die sowjetischen Soldaten über Márais Ferienhäuschen herfielen, so haben sie ihr eigenes Land zerstört. Vielleicht darum, weil es eben - entgegen der Propaganda - nicht ihr eigenes war. Sándor Márai agitiert nicht. Er stellt nicht einmal Überlegungen in dieser Richtung an, aber seine Erinnerungen drängen sie dem Leser auf. Der Leser zieht sich mit seinen Gedanken immer wieder aus dem Buch zurück, macht sich selbständig. Kann man etwas Besseres von einem Buch sagen?
Der erste Gedanke des Lesers lautet: Ein Eigentum aller gibt es nicht. Wenn etwas eigen ist, ist es einem anderen eben nicht eigen. Dann drängt sich ein anderer Gedanke auf: Es gibt nur wenig Menschen, die sich überhaupt um etwas kümmern. Die meisten haben Schwierigkeiten, ihre eigenen vier Wände in Ordnung zu halten. Diejenigen aber, die etwas pflegen, das ihnen nicht gehört, sind eine so verschwindend kleine Minderheit, dass die Vorstellung, auf sie gestützt ließe sich eine neue Welt aufbauen, etwas Rührendes hätte, wenn man nicht wüßte, wie schnell sie in Terror umschlägt.
Sándor Márais Welt zerfällt in kleine Momentaufnahmen. Es gibt keinen erzählerischen Fluß, keine Panoramablicke, sondern prägnante Augenblicke. Einer der großartigsten ist die Beschreibung, wie ein jüdischer Polizeioffizier im teuersten Budapester Nachkriegsrestaurant seine Machtposition genießt und sich zur Krönung seines Besuches von Zigeunern schmachtend vorspielen läßt "Wie schön Du bist, wie wunderschön, Ungarn". Der Schilderung folgt eine kurze Reflexion: Dieser Szene vorausgehen "mussten Hitler und Auschwitz. Vorausgehen musste der Tod von Millionen junger Amerikaner, Engländer und Russen auf den Kriegsschauplätzen Europas, Afrikas, Asiens. Vorausgehen musste das Zerbrechen einer Großmacht, des Deutschen Reiches, und in dem kleinen Land Ungarn der Untergang einer Gesellschaftsordnung samt ihrer Ideologie. Das alles musste vorausgehen, damit dieser Mann sich endlich im Emke von Zigeunern ein irredentistisches Kunstlied voller falscher Sentimentalität vorspielen lassen konnte." Sándor Márai hätte auf diese Erklärung verzichten können. Seine Schilderung der Szene war deutlich genug. Das Merkwürdige ist, dass sein Kommentar erst die Szene verkitscht. Er erst schießt dem Leser jenen Schauder über den Rücken, bei dem sich die Haare aufstellen. Man mag peinlich berührt sein. Aber man ist berührt.
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