Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Französischen von Horst Brühmann. 1976 wurde Roland Barthes an das renommierte College de France gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörte eine wöchentliche Vorlesung, in der er aus seiner aktuellen Forschung berichtete. Im akademischen Jahr 1977/78 behandelte Barthes "das Neutrale", den "dritten Begriff", der die binäre Opposition - das klassische Ordnungsprinzip des Strukturalismus - unterläuft. Das Neutrale entzieht sich der Spannung und dem Konflikt und läßt sich in zahlreichen Phänomenen wiederfinden: in der Müdigkeit, der Stille, in sozialen Bildern wie dem Apolitischen, in Haltungen wie dem Skeptizismus sowie schließlich im Sexuellen, in der Figur des Androgynen.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.02.2006
Cord Riechelmann ist bemüht, uns Roland Barthes 1978 am College de France gehaltene Vorlesung nahe zu bringen. Kein ganz leichtes Unterfangen. Es gehe Barthes "um das Verhalten von Subjekten im Sprechen und zur Sprache von Anderen". Bei der Lektüre stößt Riechelmann auf "Gedanken zur Medienwirklichkeit in einer Zeit, als es das Privatfernsehen in seiner heutigen Gestalt noch nicht gab". Das vom Autor als paradigmatische Größe eingeführte "Neutrum" sieht der Rezensent eingespannt in einen Diskurs über Ethik als "Verhaltenslehre im Sinne von Gilles Deleuze". Für Riechelmann zeigt sich hier ein Rückzug des Autors aus den damals aktuellen marxistischen und psychoanalytischen Diskussionen, in denen Ethik nicht vorkam. Wie gestaltete sich die Vorlesungspraxis? Prallte die von Barthes zusammengestellte und im Spannungsverhältnis von Affekt und Abwehr agierende "unorganisierte Folge von Figuren" einerseits zusammen mit dem "strukturierten Raum der Vorlesung", so ergibt sich aus der freilich unsystematischen Einbeziehung von Hörerpost eine Chance zur methodologischen Nachbesserung und Ergänzung. Das dennoch Unabschließbare der Rede gibt sich dem Rezensenten zu erkennen als "Doppelpunkt, Klammer, Zitat".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2005
"Gern", seufzt Julia Encke nach Lektüre der Vorlesungen von Roland Barthes, "hätte man im großen Hörsaal, seiner sonoren Stimme zugehört - und bei ihm leben gelernt". Nun muss sie mit der Schriftform vorlieb nehmen, die sie aber auch sehr beeindruckt zu haben scheinen. Barthes' Mutter war gerade gestorben, und er selbst fühlte sich in seiner Trauer um sie unglaublich erschöpft, erzählt Encke. Und so hat er die Bücher, die er im Ferienhaus seiner verstorbenen Mutter eher in die Hände zufällig in die Hände bekommen hat, in dieser Vorlesung verarbeitet. Herausgekommen ist dabei laut Encke mit diesen Vorlesungen aus den Jahren 1977/78 weniger Wissens- oder Theorievermittlung als eine literarische Autobiografie, "eine Gebrauchsanweisung zum Leben".
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