Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Nach seiner Ankunft in Sizilien gibt ein junger Lehrer ein Inserat auf, mit zwei Zeilen aus dem Hohenlied als Erkennungszeichen für Francesca. Doch in seinem Unterricht sitzt deren jüngere Schwester, Nunzia, eben sechzehnjährig. Vom spröden Charme des Mädchens betört - sie ist dunkel wie Sulamith - beginnt er, ihr das Hohelied vorzulesen, und diese Art der Verführung findet ihre Erfüllung schon bald in den Gemächern des Palazzos. Ein Skandal in der sizilianischen Provinzstadt im Jahr 1959, zu deren Alltag die Moralgesetze der Kirche ebenso gehören wie die immer wieder siegreichen fleischlichen Versuchungen unter einer südlichen Sonne.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.08.2000
Fast eine Verteidigungsschrift! Hansjörg Graf tritt in seiner Besprechung der beiden jüngsten Romane von Roberto Cotroneo möglichen Anschuldigungen entgegen, dessen Romane seien von typischer italienischer Leichtigkeit mit einem Hang zum Mystischen. Dass die literarische Verrätselung Sinn macht und sogar einen Rückgriff auf literarische Traditionen darstellt, versucht Graf in seiner Doppelbesprechung unter Beweis zu stellen. Denen, die dieserlei Bücher nicht leiden können, liefert er die Argumente gleich mit.
1) Roberto Cotroneo: "Otranto"
Offensichtlich gibt es in anderen Ländern auch jüngere Literaturpäpste - Roberto Cotroneo ist im zarten Alter von 39 Jahren nicht nur einer der angesehensten Literaturkritiker Italiens, er hat auch schon eine Reihe von Romanen veröffentlicht, von denen nun insgesamt vier auf Deutsch vorliegen. So jemand zieht immer auch Kritik auf sich. Einer der gängigen Vorwürfe gegen Cotroneo lautet, in seinen Romanen gebe es keine lebendigen Menschen. Stimmt, sagt Hansjörg Graf. Das liege daran, dass die Protagonisten wie Akteure eines unsichtbaren Theaters wirkten, das einen anderen Ort und eine andere Zeit in eins setzen und zur Sprache bringen könne. Cotroneos Wirklichkeitsbegriff sei aus der Mode gekommen. In "Otranto" versucht eine holländische Restauratorin Sinn in das Fußbodenmosaik der Kathedrale, Sinn in die Vergangenheit hineinzulesen und damit zugleich Sinn in das Muster ihres Lebens zu bringen. Das käme einer unio mystica ziemlich nahe, schreibt Graf.
2) Roberto Cotroneo: "Das vollkommene Alter"
Was ist das "Vollkommene Alter?", fragt Hansjörg Graf. Und er zitiert eine Romanfigur: wenn `die Zeit vergisst ihren Tribut zu fordern`. Also spurlos vorübergeht. Oder gar nicht vergeht. Als ein Wechselspiel der Perspektiven und Stimmen erweist sich auch Cotroneos jüngster Roman, schreibt der Rezensent, und alle vermeintlichen Versuche der Romanfiguren, Ordnung zu schaffen, stifteten nur noch mehr Unordnung. Dennoch erfährt der Leser die Rahmenhandlung: es geht um eine Frau "im vollkommenen Alter", die mit zwei anderen Männern ein Verhältnis hat und den sizilianischen Kleinstadtmief Ende der 50er Jahre lüftet. Aber all das sei letztlich nicht sehr wichtig, meint Graf, da die Wirklichkeit bei Cotroneo nichts Feststehendes und Festzumachendes sei. Cotroneo versuche Wirklichkeit auch mit ihren geschichtlichen und mythischen Wurzeln zu begreifen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2000
Manfred Hardt ist enttäuscht von diesem Roman, der es, wie er findet, nicht mit früheren Werken des Autors aufnehmen kann. Was der Text mit dem biblischen Hohelied zu tun haben soll, in dessen Tradition sich der Autor explizit stellt, fragt sich der Rezensent etwas gereizt, denn er sieht in der Geschichte hauptsächlich eine Anhäufung von Banalitäten. Das Sujet - ein Mädchen wird zur Frau - würde schon nach der Hälfte des Romans nicht mehr fesseln, zumal die Protagonisten "blass" und "charakterlos" blieben. Manches, wie die wiederholte Betonung des Skandalons einer "entblößten Schulter" hält er selbst eingedenk der Sittenstrenge im Sizilien der 50er Jahre für übertrieben und zudem ermüdend. Letztlich findet der Rezensent, dass auch die gewählte Gattung für den Stoff ungeeignet ist, denn als Novelle hätte er sich seiner Ansicht nach besser verarbeiten lassen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.06.2000
Der Autor Roberto Cotroneo ist Kulturredakteur der italienischen Zeitschrift "L`Espresso" - und das merke man seiner Sprache leider auch an, kritisiert Rezensent Martin Krumbholz. Sie bleibe "blass, steifleinen wie gestärkte sizilianische Bettwäsche" und werde den Geruch des Akademischen nicht los. Der Rezensent sucht lebendige Menschen und findet nur eine Versuchsanordnung, in der es dem Ich-Erzähler unglaubwürdigerweise gelinge, eine sechzehnjährige mit den Versen des Hohen Lieds zu verführen. Dass Krumbholz diesen Roman nicht ganz ernst nimmt, signalisiert schon der mokante Ton der Besprechung, die uns zuletzt noch darüber infomiert, dass 16 für den Rezensenten nicht das vollkommene Alter war.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.05.2000
Werner Irro rechnet es Cotroneo hoch an, dass dieser aus der "ältesten Geschichte der Welt", nämlich aus einer Liebesgeschichte, etwas durchaus Interessantes mache. Anstatt diese uralte Geschichte, deren Ausgang sattsam bekannt sei, einfach noch einmal aufzuschreiben, habe der Autor eine "diskrete Spiegelvariante des Themas" gezeichnet. Mit seinem Roman habe er einen "neuen Höhepunkt in dieser Kunst der Anspielung" erreicht, preist Irro, und nur selten, bemerkt der Rezensent anerkennend, bleibe der Autor selbst "an den Klischees kleben", die er beschwöre. Und so bescheinigt ihm der Rezensent, der ihn schon in seinen früheren Büchern als "perfekten Typus des zeitlosen Schriftstellers" schätzen gelernt hat, besondere Virtuosität in seinem neuen Werk.
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