Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Am 2. August 1902 wird der Priester und Publizist Heinrich Federer (1866 - 1928) auf der Stanserhornbahn in Nidwalden festgenommen. Es besteht Verdacht auf "widernatürliche Befriedigung des Gechlechtstriebes, begangen an einem zwölfjährigen Knaben". Der von Pirmin Meier aufbereitete "Fall Federer" ist ein feinfühlig erzählter historischer Report um Knabenliebe, Katholizismus und Urschweiz, haarsträubender als jede Erfindung.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2002
Einen Schweizer Skandalfall aus dem Jahr 1902 rollt Pirmin Meier in seiner "erzählerischen Recherche" auf, so Gieri Cavelty: dem Priester und Publizisten Heinrich Federer wurde vorgeworfen, sich sexuell an dem ihm anvertrauten Privatschüler Emil Brunner vergangen zu haben. Er wurde wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" verurteilt und verlor Reputation und Job, später machte er sich als Schreiber von heiteren Dorfgeschichten einen Namen, durch die weiterhin der kleine Emil spukte, wie Cavelty schreibt. Das ist für ihn die eigentliche Ironie der Geschichte, die den Zeitgenossen Federers, des "katholischen Kontrapunkts zu Gottfried Keller", entgangen sein muss, dass nämlich Federer die Schriftstellerei regelrecht als Ersatzhandlung betrieb. Bislang sind die pädophilen Neigungen Federers eher geleugnet worden, sagt Cavelty, der in Meiers Buch eine aktuelle Einbettung des Falls in die derzeitige Diskussion des Verhältnisses von katholischer Kirche und Knabenliebe vermisst. Meier habe sich stattdessen zu sehr auf die tagespolitischen Aspekte konzentriert. Insgesamt macht es sich der Autor nach Meinung des Rezensenten zu einfach, denn die These, Federer habe seine sexuelle Neigung literarisch sublimiert, hätte besser belegt werden müssen, findet Cavelty.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002
Michael Gassmann würdigt Pirmin Meiers erzählerische Recherche als "Sittengemälde in den Farben Schweizertum, Knabenliebe, Katholizismus und Naturburschenkult". Wie der Rezensent ausführt, rollt der Autor darin den Fall Federer auf. Heinrich Federer war einer der führenden Schriftstellers und Journalisten der katholischen Schweiz im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Diesem Mann, der 1928 als hochgeehrter Schriftsteller starb, wurde 1902 ein zweifelhafter Prozess wegen Päderastie gemacht; er unterlag in erster Instanz, erreichte jedoch in der zweiten, dass der Vorwurf auf Erregung öffentlichen Ärgernisses beschränkt wurde - nach dem Prozess konnte er jahrelang weder beruflich noch privat Fuß fassen, referiert Gassmann. Es sei eine tragische, aber kurze Geschichte, die Meier als Chronist der Versuchung auf dreihundertdreißig Seiten erzähle. Obwohl dokumentarisch angelegt, findet sie Gassmann - Meiers Gespür für die vielen historischen, politischen und menschlichen Facetten der Geschichte sei Dank - "brillant romanhaft" gelungen.
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