Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Wenn Engländer reisen, geschieht oft, was niemand erwartet, selbst im grau-makabren Polen der frühen achtziger Jahre: Ein Theatermann kommt nach Wroclaw, um Ibsens Wildente zu inszenieren, und als erstes findet er sich in der schmutzigkalten Oder wieder. Wer hat ihn hineingestoßen? Er weiß es nicht. Bald aber lernt er die näher kennen, die sich seiner angenommen haben: exzentrische junge Leute, die wissen, dass alles in dieser unmöglichen Welt nichts ist, wenn es nicht Theater ist. Zwei haben es dem Engländer besonders angetan: Carlos, der im Untergrund Radio macht, und die schöne Lidka. Die Freundschaft der drei hält über Grenzen hinweg, und eine gemeinsame Sehnsucht nach der gehassten und geliebten Stadt an der Oder verbindet sie, als sie sich in New York wiederbegegnen. Kein Wunder, dass sie nach Wroclaw zurückkehren, sobald die Nacht des Realsozialismus vorbei ist...
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2001
Wer etwas über die Mentalitäten der "Gründergeneration der nachsozialistischen polnischen Republik" erfahren wolle, schreibt ein begeisterter Stephan Wackwitz, der werde in diesen "kollektiven Erziehungsroman" viel Anschauungsmaterial finden. Die Personen seien mit einer "leichthändigen und manchmal geradezu grausig eindringlichen Virtuosität" geschildert, die den Rezensenten an Tarrantino-Filme erinnern. Von 1981 bis 1991 verfolge Siemion in seinem Debütroman das Schicksal seiner Generation, und zwar "in einer Welthaftigkeit, die er streckenweise nur mit einer Art Kolportageversion des magischen Realismus" bewältigen könne. Dass der Protagonist ein Ausländer ist, hält Wackwitz ebenfalls für einen "glücklichen Kunstgriff": weil er das Buch auch nichtpolnischen Lesern gut zugänglich mache und außerdem auf diese Weise "eine fast ethnografische Fremdheit" gegenüber den "Ritualen, Ruppigkeiten, Ehrenkodizes, Trinksitten und Liebesunordnungen" des "fremden Stammes" ermögliche, der 1980 jung war und heute das Land regiere. Autor Siemion selbst wird als ein "trotz aller scheinbaren Schnoddrigkeit" überraschend gebildeter und subtiler Erzähler beschrieben. Die Geschichte selbst hat den Rezensenten immer wieder an eine mittelalterliche "Aventüre" erinnert, die er durch kabbalistische Anspielungen und gnostische Deutungen zusätzlich bereichert fand. Nur die polnischen Slang-Dialoge findet Wackwitz in der deutschen Ausgabe "nicht immer glücklich" übersetzt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.12.2000
Ein etwas krudes Buch, meint Susanne Messmer, aber doch "mit Herzblut" geschrieben. Der polnische Autor begibt sich in die Perspektive des Fremden, eines Engländers, der 1983 das erste Mal nach Breslau kommt, wo er in eine Clique junger Leute gerät, deren Codes und Geheimnisse sich ihm nicht erschließen, auch nicht als er sie Jahre später in New York wiedertrifft. Messmer hält Siemion für keinen stilsicheren Erzähler; wo er versucht subtil zu werden, neigt er zu Kompliziertheiten, Umständlichkeiten, zum Ornamentalen, stellt die Rezensentin fest. Völlig unakzeptabel findet sie auch die Bettszenen. Von den stilistischen Widrigkeiten abgesehen, betont Messmer Siemions gelungenen Kunstgriff eines Blicks von außen, der es überzeugend ermögliche, die Geschichte des ewigen "Wessis" im undurchdringlichen Osten zu erzählen bzw. der "grotesken Hilflosigkeit des Westens" gegenüber diesem kleinen fernen Nachbarland Ausdruck zu verleihen.
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