Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Piotr Siemion

Picknick am Ende der Nacht

Roman

Cover: Picknick am Ende der Nacht

Volk und Welt Verlag, Berlin 2000
ISBN-10 3353011897
ISBN-13 9783353011893
Gebunden, 395 Seiten, 22,50 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Wenn Engländer reisen, geschieht oft, was niemand erwartet, selbst im grau-makabren Polen der frühen achtziger Jahre: Ein Theatermann kommt nach Wroclaw, um Ibsens Wildente zu inszenieren, und als erstes findet er sich in der schmutzigkalten Oder wieder. Wer hat ihn hineingestoßen? Er weiß es nicht. Bald aber lernt er die näher kennen, die sich seiner angenommen haben: exzentrische junge Leute, die wissen, dass alles in dieser unmöglichen Welt nichts ist, wenn es nicht Theater ist. Zwei haben es dem Engländer besonders angetan: Carlos, der im Untergrund Radio macht, und die schöne Lidka. Die Freundschaft der drei hält über Grenzen hinweg, und eine gemeinsame Sehnsucht nach der gehassten und geliebten Stadt an der Oder verbindet sie, als sie sich in New York wiederbegegnen. Kein Wunder, dass sie nach Wroclaw zurückkehren, sobald die Nacht des Realsozialismus vorbei ist...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2001

Wer etwas über die Mentalitäten der "Gründergeneration der nachsozialistischen polnischen Republik" erfahren wolle, schreibt ein begeisterter Stephan Wackwitz, der werde in diesen "kollektiven Erziehungsroman" viel Anschauungsmaterial finden. Die Personen seien mit einer "leichthändigen und manchmal geradezu grausig eindringlichen Virtuosität" geschildert, die den Rezensenten an Tarrantino-Filme erinnern. Von 1981 bis 1991 verfolge Siemion in seinem Debütroman das Schicksal seiner Generation, und zwar "in einer Welthaftigkeit, die er streckenweise nur mit einer Art Kolportageversion des magischen Realismus" bewältigen könne. Dass der Protagonist ein Ausländer ist, hält Wackwitz ebenfalls für einen "glücklichen Kunstgriff": weil er das Buch auch nichtpolnischen Lesern gut zugänglich mache und außerdem auf diese Weise "eine fast ethnografische Fremdheit" gegenüber den "Ritualen, Ruppigkeiten, Ehrenkodizes, Trinksitten und Liebesunordnungen" des "fremden Stammes" ermögliche, der 1980 jung war und heute das Land regiere. Autor Siemion selbst wird als ein "trotz aller scheinbaren Schnoddrigkeit" überraschend gebildeter und subtiler Erzähler beschrieben. Die Geschichte selbst hat den Rezensenten immer wieder an eine mittelalterliche "Aventüre" erinnert, die er durch kabbalistische Anspielungen und gnostische Deutungen zusätzlich bereichert fand. Nur die polnischen Slang-Dialoge findet Wackwitz in der deutschen Ausgabe "nicht immer glücklich" übersetzt.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.12.2000

Ein etwas krudes Buch, meint Susanne Messmer, aber doch "mit Herzblut" geschrieben. Der polnische Autor begibt sich in die Perspektive des Fremden, eines Engländers, der 1983 das erste Mal nach Breslau kommt, wo er in eine Clique junger Leute gerät, deren Codes und Geheimnisse sich ihm nicht erschließen, auch nicht als er sie Jahre später in New York wiedertrifft. Messmer hält Siemion für keinen stilsicheren Erzähler; wo er versucht subtil zu werden, neigt er zu Kompliziertheiten, Umständlichkeiten, zum Ornamentalen, stellt die Rezensentin fest. Völlig unakzeptabel findet sie auch die Bettszenen. Von den stilistischen Widrigkeiten abgesehen, betont Messmer Siemions gelungenen Kunstgriff eines Blicks von außen, der es überzeugend ermögliche, die Geschichte des ewigen "Wessis" im undurchdringlichen Osten zu erzählen bzw. der "grotesken Hilflosigkeit des Westens" gegenüber diesem kleinen fernen Nachbarland Ausdruck zu verleihen.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Mehr Bücher aus dem Themengebiet

blog comments powered by Disqus

Archiv: Bücherschauen

Krisen des modernen Ichs

26.05.2012: FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3

07.05.2012: Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen

Goncalo M. Tavares: Die Versehrten

19.04.2012: Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen

Laszlo Vegel: Sühne

12.04.2012: Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren