Bücherschau der Woche
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Peter Handke
Unter Tränen fragend
Klappentext
Vorsichtig schauend, tastend, sich der Dinge erst vergewissernd, unternimmt Peter Handke es, über zwei Jugoslawien-Durchquerungen (in der Karwoche 1999 und noch einmal etwa vier Wochen später) während des Krieges zu sprechen. Die Aufzeichnungen, entstanden vor dem Ende des Krieges, nehmen unübersehbar vorweg, was jetzt, da das Thema Jugoslawien immer mehr aus den Medien zu verschwinden droht, offenkundig ist: Mit Bomben sind die Lebensfragen der Menschen nicht lösbar.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2000
Geradezu erleichtert wirkt Thomas Wirtz nach der Lektüre von Handkes neuem Buch. Nicht der "mikrofonfressende" sondern der stille Autor sei hier zu finden, der seine beim Rezensenten nicht auf Zustimmung gestoßenen polemischen Äußerungen der jüngsten Zeit vergessen mache, schreibt Wirtz in seiner ziemlich kurzen Rezension des Buchs. Obwohl man bei oberflächlicher Lektüre meinen könnte, es handele sich um eine Neuauflage der "Winterlichen Reise" - dem vorhergehenden Reisebuch Handkes - sei das Buch von "intensiver Gelassenheit". Wirtz prophezeit dem Werk "unscheinbare Dauer" und ist sich sicher, dass, wer "etwas auf Literatur hält", richtig ist bei diesem Buch. Nur den Titel findet der Rezensent zu weinerlich, was er dem "ausgenüchterten" Buch aber nicht vorzuwerfen hat.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.04.2000
Nach der „Sommerlichen Reise“ und dem „Winterlichen Nachtrag“, schreibt Michael Althen, ist dies nun Handkes „dritter literarischer Ausflug ins Kriegsgebiet“ Jugoslawiens. Seine Haltung zu diesem Krieg, die dem Rezensenten in ihrer sturen Gegnerschaft zur Mehrheitsmeinung durchaus Respekt abnötigt, hat Althen offenbar ernsthaft entsetzt. Schlimm genug findet er Handkes Weigerung, sich jedem Dialog über Kriegsgründe und -führung zu verweigern. Aber wirklich übel aufgestoßen ist ihm die Sprache Handkes, die sich aus „erzählerischer Leichtigkeit“ über eine „gewisse Gesuchtheit“ jetzt zu einem ganz und gar seinem Gegenstand unangemessenen, nur noch sich selbst in peinlicher Selbstüberschätzung trauenden „Dichterwort“ entwickelt hat. „Unwillkürlich den Kopf eingezogen“ hat Althen bei einigen Passagen, so sehr genierte es ihn, wie „gnadenlos der Mann sich verrennt“. Handkes Verdikt, nicht die Wahrheit, sondern die Sprache sei das erste Opfer des Krieges, wendet Althen gegen den Schriftsteller selbst: seine Sprache ist tatsächlich „ein Opfer dieses Krieges“ geworden, findet er, „weltfern und -fremd“, eine „schamlose Anmaßung“.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.04.2000
Fast müde missbilligend zählt Iris Radisch im Aufmacher des Literaturteils einige der schlimmsten Ausfälle Handkes auf (so lobt er die serbische Propaganda als `etwas Naturgewachsenes`) und fragt sich dann, ob die Serbien-Reportagen nicht eher als "Gesamtkunstwerk einer geopolitischen Ästhetik" gelesen werden müssten - als "Geografie der heiligen Schrift". Der Dichter sei hier auf der Suche nach dem Traumland seiner Kindheit, in dem die Geschäfte noch "Milch" oder "Brot" heißen und nur die "sinnliche Wahrnehmung" Bestand hat, nicht der analysierende, alles verfälschende Geist, den Handke im Westen verkörpert sieht. Radisch, der man anmerkt, wie traurig sie über die Karambolage dieses einstmals geschätzten Schriftstellers mit der Wirklichkeit ist, nennt Handke mit einer gewissen Bewunderung "hochfahrend" und seine Träume "stolz und erregend", aber folgen will sie ihm nicht: "Wenn die Literatur Politik sein will, hört der Spaß auf. Und meistens auch die Literatur".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.04.2000
In einer sehr ausführlichen Rezension versucht sich Ina Hartwig mit fairen Mitteln Handkes Bericht seiner zweiten Jugoslawienreise zu nähern, obwohl ihr manchmal anzumerken ist, wie schwierig sie dies findet. Nicht, dass es ihr an Argumenten fehlt, aber wie will man einem "hasserfüllten Bewohner eines Elfenbeinturms", der allerorts nur Feinde wittert, mit Argumenten begegnen? So stellt sie zunächst den Unterschied zu Handkes erstem Serbienberichts heraus: Damals habe Handke vor allem den westlichen Medien einseitige Berichterstattung vorgeworfen. Diesmal präsentiere er sich jedoch zunehmend als "Kriegsdeuter", der sich auch mit Partisanen beschäftigt. Dabei wirft Hartwig ihm eine unangebrachte Vermischung von Partisanentum im Zweiten Weltkrieg und den Geschehnissen während des Kosovo-Krieges vor. Und anstatt seine Kritik beispielsweise am gebrochenen UN-Vetorecht anzusetzen, was leicht gewesen wäre, gebe sich Handke dubiosen Verschwörungstheorien hin: Die USA wollten Jugoslawien vernichten etc., eine Annahme, die Handke jedoch weder begründen noch beweisen könne. Handke passe seine "egozentrischen Assoziationen" seiner Feindbild-Denkweise entsprechend an, so Hartwigs Diagnose.
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