Bücherschau der Woche
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Klappentext
Tempo und Beschleunigung waren der Welt bis zum Spätmittelalter völlig fremd. Mit dem Aufstieg des Fernhandels jedoch setzte seit dem 15. Jahrhundert eine Entwicklung ein, bei der sich das Prinzip Geschwindigkeit zunächst im Transport-, Militär- und Produktionssektor, mit der Industrialisierung auch in den meisten Arbeits- und Lebensbereichen durchsetzte. In dieser spannend zu lesenden Kulturgeschichte der Beschleunigung analysiert Peter Borscheid das Werden der Non-Stop-Gesellschaft mit ihren Licht- und Schattenseiten. Er porträtiert tempobegeisterte Rennfahrer ebenso wie Soldaten im rasenden Maschinengewehrfeuer des 1. Weltkriegs und schildert, wie selbst Künstler der Geschwindigkeit huldigten. Wohin eine weitere Steigerung des Tempos führen mag, erkannte bereits Michael Endes Momo: "Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, umso weniger hatten sie."
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.06.2004
Peter Borscheids "Kulturgeschichte der Beschleunigung" beginnt tief in der Vergangenheit, genauer gesagt: am Ende des Mittelalters. Hier findet die Entdeckung des "Tempos" statt, und zwar im urbanen Raum. Es folgen drei Phasen, die erste, nämlich die dieser Entdeckung, beginnt 1450. Der nächste Schritt ereignet sich zwischen 1800 und 1950 in der Zeit der Technik, die die Dampfmaschine, die Bahn, das Auto hervorbringt. Wir befinden uns nun, seit etwa 1950, im "Zeitalter der Elektronik", in dem sogar die "Kategorien von Abfolge und Linearität" ins Wanken geraten. Dies alles gilt, darauf weist der Rezensent Thomas Thiemeyer hin, selbstredend nur für die "westlichen Industrienationen". Deren Tempogeschichte aber werde hier weit ausgreifend aufgearbeitet. Man erfährt zwar, so Thiemeyer, nicht wirklich Neues, jedoch führe der Autor recht weit auseinander liegende Forschungsgebiete überzeugend zusammen. Worauf man freilich verzichten muss, das sei die analytische Durchdringung der zur Kulturgeschichte zusammengestellten Diagnosen. Was dennoch bleibt: ein sehr brauchbares "Inventar" der Beschleunigungs-Tendenzen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2004
Ein "eindrucksvolles Tableau der Licht- und Schattenseiten" unserer Kultur vermittelt Peter Borscheid dem Leser mit seinem neuen Buch, freut sich Rezensent Rudolf Walther. In seiner kulturgeschichtlichen Studie dokumentiert der Autor die Verbreitung des "Tempo-Virus" in verschiedenen Regionen und Epochen. Gestützt auf "eine große Zahl von Spezialstudien" ist so ein Werk entstanden, das "gut lesbar" die Wandlung von einem Leben mit und nach der Natur hin zu einem "Geschwindigkeitsrausch" schildert, der durch Industrialisierung, Automobilisierung und moderne Wissenschaft hervorgerufen wurde. Borscheid sei es nicht nur gelungen, seine Ergebnisse "gut sortiert" in einer "breit angelegten" Studie zu präsentieren, er habe darüber hinaus auch eine "farbige Darstellung" der unerhörten Beschleunigungsmechanismen geschrieben, die Arbeit und Leben immer mehr durchdringen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.05.2004
Ach, dieses Tempo, seufzt der Rezensent Arndt Brendecke - aber wenigstens kann man sich hin und wieder mit einem guten Buch in eine stille "Nische der Langsamkeit" zurückziehen - zum Beispiel, um sich anhand einer "faszinierend dichten Beschreibung" vorführen zu lassen, wie es dazu kam, dass die Geschwindigkeit beim modernen Menschen eine solch enorme Wertschätzung erfährt. Brendecke ist nicht nur von der klaren Einteilung des Autors ("Startphase" 1450-1800, "Beschleunigungsphase" 1800-1950, "Tempophase" seit 1950), sondern auch von seinem "einfachen, aber reflektiert vorgetragenen Argumentationsgang" beeindruckt: Vor dem Hintergrund eines "Prinzips der Langsamkeit" wird die Beschleunigung sichtbar und die Entwicklung des Prinzips Tempo zum Imperativ erzählbar. Das tut Peter Borscheid anhand einer Vielzahl von Belegen aus allen Bereichen des Lebens, und er tut es dem Rezensenten zufolge mit großem Kenntnisreichtum, überaus unterhaltsam und den Blick auch auf Abseitiges richtend. Dennoch hat Brendecke einen Einwand: "Beschleunigung ist nicht nur, wie der Autor vorauszusetzen scheint, ein objektiv messbarer Tatbestand", sondern auch, beispielsweise, "Teil des Hoffnungshorizontes jüdisch-christlicher Zeittraditionen und der offenbar immer gleichen Erfahrung der alternden Generationen". Der Einbezug solcher Bestandteile des "kollektiven Bewusstseins" hätte Borscheids "oftmals nur beschreibende Diagnostik" stärker fundieren können.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2004
Das Buch hat den "Tempo-Virus", es ist voll und ganz infiziert von seinem Thema, der zunehmenden Beschleunigung aller Aspekte unseres Lebens, stellt Ernst Horst fest. Und obwohl es eigentlich hundertmal die gleiche Geschichte erzählt und deswegen inhaltlich nicht vom Fleck kommt, macht es das in einem rasanten Tempo. Ein Einfall, eine Aufregung, eine Entdeckung, eine Geschichte jage die andere, berichtet Horst, und man wird nicht ganz schlau daraus, ob er deswegen stöhnt oder nicht. In jedem Fall liefere Borscheid "Fakten, Fakten, Fakten", aufbereitet nach Art eines Musikvideos. Von zu eiligem Durchlesen des Bandes rät Horst ab, der Genuss werde schnell schal. Die Fülle der Informationen findet Horst jedoch durchaus beeindruckend. Eine Kulturgeschichte, schreibt er, die auch nicht vorgibt mehr zu sein als das. Horst wäre es allerdings lieber gewesen, der Autor hätte auf einen Teil seines Textes verzichtet, gerade weil er nur beschreibe und nicht analysiere, so Horst. Wäre es da nicht besser gewesen, einfach zu dokumentieren und vor allem mehr zu illustrieren, fragt er. Oder anstatt ein futuristisches Gedicht nur zu erwähnen, es entweder wegzulassen oder - sich Zeit nehmend - es in voller Länge abzudrucken?
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2004
Rezensent Manfred Schneider feiert Peter Borscheids "Kulturgeschichte der Beschleunigung" als eine "eindrucksvoll umfassende und detailreiche Darstellung" zur Frage, "wie unsere Welt aus Techniken des Zeitmanagements auftauchte". Kaum ein Aspekt sei vom Autor ausgelassen worden, und bei allen Einzelheiten bleibe die Darstellung "kompetent und auf der Höhe". Gewiss, Paul Virilio habe zwar bereits vor etwa dreißig Jahren die Wissenschaft der Geschwindigkeit, die Dromologie, begründet, dennoch habe erst Borscheid mit diesem Band nun, findet Schneider, "ein vorläufiges Standardwerk zum Thema" vorgelegt - nicht zuletzt, weil "Beschleunigung" eine viel ältere kulturelle Kraft sei als dies aus dem Blickwinkel Virilios erkennbar werden konnte, der vordringlich an ihrer modernen, demokratisierenden Dimension interessiert sei. Borscheid setzt dagegen drei Phasen in der Geschichte der Beschleunigung: 1450-1800 (Verkehrssysteme), 1800-1950 (Dampf- und Elektrizitätstechniken) und 1950 bis heute (elektronische Beschleunigungen). Nicht überzeugt hat den Rezensenten allein ein gewisser, schon im Titel anklingender, kulturkritischer Unterton Borscheids. "Nicht das evolutionäre Tempo" sei das Problem unserer Zeit, findet Schneider, "sondern unterschiedliche Geschwindigkeiten".
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