Seit Berlusconis Ministerpräsidentschaft wird über die Frage gestritten: Handelt es sich um einen italienischen Sonderfall von Klientelwirtschaft und Bestechung - oder ist Italien der smarte Vorreiter eines Modells der Verbindung von Medienkontrolle, Konsum und politischer Macht? Der seit vielen Jahren in Italien lebende Paul Ginsborg hat mit dem distanzierten Blick von außen bei hervorragender Kenntnis des von ihm geschätzten Landes diese Frage von verschiedenen Seiten beleuchtet: Er verfolgt Berlusconis Werdegang von der Geburt bis heute, vom dunklen Entstehen seines Immobilien-Imperiums in den sechziger und des Fernseh-Imperiums in den achtziger Jahren, von seinem Eintritt in die Politik bis hin zu den erstaunlichsten Rechtsbeugungen und der Durchsetzung neuer Gesetze, die seine eigenen Geschäfte unantastbar machen und seine politische Macht erhalten sollen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006
Aufschlussreich findet Rezensent Henning Klüver Paul Ginsborgs Essay über das Phänomen Berlusconi. Er referiert Ginsborgs Analyse der Strategie Berlusconis, nach außen hin Modernisierung zu verkörpern, nach innen aber mit den alten politischen Kräften zu paktieren, um seine Pfründe zu sichern. Einen kritischen Blick werfe der Autor auch auf die Politik des Ministerpräsidenten, von der allein dessen Unternehmen profitierten, während es Italien heute insgesamt schlechter gehe. Ginsborg warne davor, Berlusconi nicht ernst zu nehmen. Schließlich treffe er das Bedürfnis breiter Bevölkerungskreise, sich in der Führung wiederzuerkennen. Etwas bedauerlich scheint Klüver, dass Ginsborg die Antwort auf die im Untertitel des Buchs gestellte Frage nach Modell der Zukunft oder italienischem Sonderweg schuldig bleibt.
Einigermaßen zufrieden ist Ralph Bollmann mit Paul Ginsborgs Essay über Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Wie er berichtet, warnt der in Florenz lehrende Historiker davor, Berlusconi zu unterschätzen. Dieser verfolge laut Ginsborg ein Projekt, das auf die Etablierung seiner persönlichen Herrschaft hinauslaufe, für das er politische und mediale Macht, überkommenen Klientelismus und radikalen Wirtschaftsliberalismus, öffentliche und private Sphäre verbinde. Zur Erklärung des Phänomens Berlusconi führe Ginsborg vor allem die besonderen Traditionen Italiens an. Der Entschlossenheit des Ministerpräsidenten stelle er dann die Zerstrittenheit der parlamentarischen Linken gegenüber, die noch immer keine überzeugende Antwort auf dessen Projekt gefunden habe. Warum Berlusconi über Italien hinaus gefährlich ist, kann Ginsborg nach Ansicht Bollmanns nicht wirklich erklären - obwohl er den 80 Seiten der Originalausgabe in der deutschen Ausgabe 80 Seiten voranstellt, in denen er Berlusconis Aufstieg darstellt und Parallelen zu Medienmagnaten wie Rupert Murdoch, Bernard Tapie oder Michael Bloomberg zieht, Parallelen, die Bollmann allerdings wenig erhellend findet. Überhaupt findet Bollmann die Verdoppelung des Umfangs eher nachteilig, lag doch die Qualität des Essays gerade in seiner "Kürze und Pointiertheit".
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