Bücherschau der Woche
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Klappentext
Berlin, 1985. Beim Landeanflug auf die geteilte Stadt fällt der Flüchtlingsjunge Ismael aus dem Fahrwerkschacht eines Flugzeugs und überlebt. Auf den Zeitungsballen einer Altpapierhalde im Westen findet ihn Paul Mahlow, Judokämpfer, Frauenheld, Langzeitstudent und Wachmann. Während er den Jungen in ein Krankenhaus fährt, wird Mahlows bester Freund Alp Tazafhadi bei einer Demonstration bewusstlos geschlagen - und wacht nicht wieder auf. Die bis dahin überschaubare Welt der beiden gerät aus den Fugen. Aus dem Koma heraus, gleichsam über allem schwebend und nicht nur allgegenwärtig, sondern auch alles erinnernd, erzählt Alp die Geschichte ihrer Freundschaft, die Geschichte Ismaels und die manchmal tieftraurige, dann wieder haarsträubend komische Geschichte seiner Familie, in der ein geheimnisvoller Großvater eine teuflische Rolle spielt. Norbert Zähringers Figuren sind Menschen, über die man wenig weiß und gerne liest: verschrobene Mitarbeiter eines Wach- und Schließdienstes, ein Imbissbuden-Millionär und Erfinder des "Schnitzel on a stick", der Spitzel wider Willen Gonzo, die cocktailtrinkende Vermieterin Miss Ellie, die schöne Nachtschwester Britta oder Yilmer, der philosophierende Arzt mit seinem Quacksalbermobil.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.12.2006
Die schrecklichsten Kapitel sind für Rezensent Wolfgang Schneider auch die "eindringlichsten" des Romans. Dort nämlich, wo Dr. Zumvogel in New Mexico seine postnazistischen Menschenversuche exekutiert. "Leider" nur komme dieser Mörderarzt auf völlig unwahrscheinliche Art und Weise zu seinem wohlverdienten Ende, durch einen Affen. Andererseits, relativiert der Rezensent seine und die Kritik von Kollegen an der "Konstruiertheit" des Zähringer'schen Erzählens, schreibe der Autor nun einmal dezidiert postmodern. Und gerade die "elementare Fabulierfreude" sei lobenswert, auch wenn sie sich auf der Grenze zur "reinen Virtuosität" bewegt und mitlatent anämischen Figuren operiert. Der Rezensent vergleicht den ungeheuren Budenzauber, der hier erzähltechnisch veranstaltet wird, mit einer "durchgeknallten Vorabendserie", und ist sich nicht ganz sicher, ob Norbert Zähringer seinen "retropostmodernen" amerikanischen Kollegen nun eine Nasenlänge voraus ist oder hinterher. Die Zeiten jedenfalls für solche im doppelten Sinne fantastischen Romane, so viel steht für Schneider fest, sie werden kommen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.05.2006
Hubert Winkels ist vom zweiten Roman Norbert Zähringers zwar durchaus beeindruckt, letztlich ist er aber dennoch nicht zufrieden damit. Zähringers Buch erzählt von einem illegalen Flüchtling, der über Berlin aus einem Flugzeug fällt, einem Rettungswagenfahrer, der bei einem Unfall ins Koma sinkt und von einem Nazi-Arzt, der seine Kälte-Experimente nach dem Krieg an illegal in die USA eingewanderten Mexikanern weiterführt, versucht der Rezensent die verwickelte Handlung nachzuzeichnen. Während er den ersten Teil noch wegen seiner hinreißenden Komik als "Kabinettstück" preist, zeigt er sich vom zweiten Teil, in dem die Schrecken des Nationalsozialismus und ihr Fortleben unter dem Arzt Zumvogel in den USA Eingang ins Romangeschehen finden, schockiert, und er meint, dass der Leser nicht so schnell von grotesker Komik auf realhistorische Grausamkeiten umschalten kann. Der Rezensent fragt sich daher, ob es richtig ist, mit dem "Entsetzen Scherz zu treiben" und ist sich durchaus nicht sicher, ob dieser Roman eigentlich gelungen gewichtet ist und Komik und Tragik gut ausbalanciert sind. Also weder "ästhetisch" noch "moralisch" zeigt sich Winkels überzeugt, und obwohl er betont, dass der Autor ein talentierter Erzähler ist, fehlt ihm am Ende schlicht die "Empathie", um diesen Roman zu schätzen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.04.2006
Norbert Zähringer scheint an etwas zu leiden, das man "Entscheidungsschwäche" nennen könnte, schreibt die enttäuschte Rezensentin Susanne Messmer. Denn was ihr in Zähringers Debüt noch charmant unkonventionell erschien, nämlich das barocke Aufgreifen und Verwerfen von Erzählsträngen, ist jetzt zum "festen Stilmittel" geronnen und wirkt "kunsthandwerklich ermüdend". Mit Mühe und Not bestimmt die Rezensentin den Terrorismus als Oberthema, das aber aufgrund der wild wuchernden und wieder verworfenen beziehungsweise uneingelösten Erzählauftakte nicht wirklich ernst genommen werde, weder vom Autor noch vom Leser. Überhaupt fühle sich der Leser, nachdem Zähringer ihm immer wieder Appetit auf eine Geschichte gemacht hat, die er dann doch nicht erzähle, aufs Unangenehmste "bevormundet". Jammerschade findet das Messmer, denn eigentlich sei dieser Autor ein "eigensinniger Erzähler" mit "toller", schriller Fantasie, den man wirklich gerne lesen würde, würde er denn mal "so richtig" erzählen, "ohne schmucke Kapriolen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2006
Guido Graf hat Norbert Zähringers Roman nicht nur sehr genossen, sondern auch noch etwas dabei gelernt: Wichtig an der Frage nach dem Glück ist nur, dass man sie sich überhaupt stellt. Zähringers Buch nämlich dreht sich um Personen auf der Suche nach der Erfüllung: Der Leser begegnet einem Wachmann, dem ein flüchtender Afrikaner quasi vor die Füße fällt, einem Ich-Erzähler, der im Wachkoma liegt und träumt und einem iranischen Arzt, der über Quantentheorie fachsimpelt. Allesamt sind sie orientierungslos - und das setzt Zähringer um, indem er sein Buch wie ein "literarisches Puzzlespiel" zusammensetzt, das "Entdeckerfreude und Kombinationslust" des Rezensenten geweckt hat. Der erfreut sich an der "virtuosen und präzisen Leichtigkeit", mit der Zähringer seine unglaublichen Geschichten erzählt. Und hofft, dass dieser "komische Roman über eine durcheinandergewirbelte Welt" viele Leser begeistert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006
Wie schon sein Romandebüt vor fünf Jahren, ist auch der zweite Buch von Norbert Zähringer ein "Berlin-Roman", teilt Volker Breidecker mit, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass in "Als ich schlief" Berlin nicht mit dem "Mittelpunkt" der Welt "verwechselt" wird. Seine "verwegenen Konstruktionen" weiß Zähringer mit "bewundernswerter Leichtigkeit einzufädeln", so der Rezensent beeindruckt. Der Ich-Erzähler ist ein ins Wachkoma Gefallener, der vom Krankenhausbett aus "nahezu allwissend" und "alles erinnernd" unter anderem von einem Flüchtling berichtet, der an ein Flugzeugtragwerk geklammert kurz vor der Landung direkt aus dem Himmel ins nächtliche Berlin fällt und überlebt, fasst Breidecker zusammen. Der Roman lasse nicht nur zwei "traumatisierte Opfer" aus verschiedenen Teilen der Welt einander näher kommen, sondern verschränke auch "historische und geografische Horizonte", indem er in verschiedenen Gegenden der Welt und auf mehreren Zeitebenen spiele, stellt der Rezensent bewundernd fest. Er ist hingerissen von den "vielen unglaublichen, abstrusen oder auch nur albernen, grausamen und makaberen, schönen wie traurigen" Episoden und preist den Roman für seine "grenzenslose Lust am Fabulieren", seinen "sarkastischen Humor" und nicht zuletzt für seine Weisheit.
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