Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Irena hatte immer das Gefühl, sie könne über ihr Leben nicht selbst entscheiden. Seit sie Prag 1968 verlassen hat, lebt sie in Paris und fühlt sich weder hier noch dort zu Hause. Doch eines Tages trifft Irena einen Mann, den sie zu kennen glaubt. War er es nicht, mit dem damals vor vielen Jahren eine Liebesgeschichte begann? Plötzlich scheint es möglich, die Erfahrungen, die Erinnerungen miteinander zu teilen und ein neues, eigenes Leben zu beginnen ...
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.03.2001
Man weiß einfach nicht so recht, was die Rezensentin von diesem Buch hält. Da hilft es auch wenig, wenn Marie Luise Knott am Ende ihrer Besprechung versucht, den essayistischen Stil Kunderas als Möglichkeit zu deuten, "in diesem 20. Jahrhundert der Heimatlosigkeit und des Exils mit den fremden, `unwissenden` Menschen und Völkern im Dialog zu leben". Allerdings - vielleicht lässt sich dieser Erklärungsversuch auch als Ausdruck einer wirklichen Unzufriedenheit begreifen, darüber nämlich, dass, wie Knott schreibt, in diesem Roman auf den ersten Blick noch alles klar und wohl sortiert ist - "eine ausgeklügelt konstruierte Liebesgeschichte" -, diese Geschichte aber vom Autor selbst unterminiert wird.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2001
Rezensent Lothar Müller ordnet den Roman, den er begeistert "ein Ereignis" nennt, in Kunderas Gesamtwerk ein. Kundera habe der Darstellung des Privatlebens im Ostblock den Grauschleier genommen. Der Sinnlichkeit seiner Figuren sei durch keine Repression beizukommen gewesen. Nun sei er als französischer Erzähler an die Schauplätze seiner tschechischen Romane zurückgekehrt und seine Figuren verlören sich im Einst. Da ist Irene, die nicht aus Paris nach Prag zurück will - und doch geht. Da ist ein "reicher Schwede" namens Gustav, der sich für ein T-Shirt mit der Aufschrift "Kafka was born in Prague" begeistert. Und Josef, der einmal fast Irenas Geliebter war und sie nun wiedertrifft. Doch er weiß nicht, wer sie ist. Für die Lebenden des Romans, lesen wir, spielen die Toten eine Schlüsselrolle. Und das Nichterinnern, die titelgebende Unwissenheit. Das "Urmodell aller Heimkehrergeschichten: die Odyssee" findet Müller im Roman zitiert. In der im Roman geschilderten "misslingenden Heimkehr" erkennt Müller auch Kunderas Sehnsucht "nach der verlassenen tschechischen Sprache".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.02.2001
Um der "raffinierten Dialektik" des neuen Kunderas gewahr zu werden, rät die Rezensentin, müsse man den Roman zweimal lesen. Ursula März hat das ganz offensichtlich gern getan. In ihrer anregenden Besprechung verrät sie uns, warum: Der Illusion der Perfektion, die der Autor als Liebesgeschichte vordergründig inszeniert, wie März uns wissen lässt, gesellt sich auf diese Weise die Bedrohung eben dieser Perfektion durch Risse, Brüche und Aporien. März aber erkennt noch mehr. Mit dem Hinweis auf die Doppelnatur des Textes macht sie diesen auch transparent auf "einen Kommentar des Schriftstellers Milan Kundera in eigener Sache" - als einen weiteren Versuch des Autors, "mit den Motiven des Misslingens und des Missverstehens gegen die `Perfektion` der eigenen Romankunst einzuschreiten."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.02.2001
Verena Auffermann meint, dass dieser Roman entweder "leidenschaftliche" Befürworter oder Gegner haben wird, wobei sie offensichtlich zu ersteren gehört. Sie preist den Roman als aufregende Lektüre, bei der die Zusammenhänge so verschiedener Themen wie "Zeit, Erinnerung, Liebe, Alter, Sprache, Sexualität, Treue" dargestellt würden. Der Roman ist "raffiniert komponiert", so die Rezensentin, und sie meint, dass es bei aller philosophischen und liebevollen Erzählweise des Autors, auch ein politisches Buch ist, wie stets bei Kundera. Denn es beschreibt, so Auffermann, wie die Politik Einfluss auf das Leben nimmt und es formt. Der Autor zeige sich hier nicht zuletzt als "unsentimentaler Melancholiker", der sich eindringlich mit der Vergangenheit beschäftigt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.02.2001
In einer zugleich emphatischen und empathischen Kritik bringt Martin Meyer seine "Bewunderung" für den Autor und seinen Roman zum Ausdruck. In mehreren erzählerischen Spiralen, so scheint es nach Meyers Resümee, umkreist der Roman die Nostalgie einer tschechischen Exilantin, die nach 1989 eine Reise ins heimatliche Prag antritt und auch hierüber nicht froh wird - ebensowenig wie mit den drei Männern, die sie im Roman liebt. Meyer preist Kundera als "glänzenden Erzähler", der die Distanz zu seinen Figuren bewahrt und es dabei versteht, selbst im Hintergrund zu bleiben. Gleichzeitig rühmt er Kundera als "Meister der Architektur" seiner Geschichte, weil er die Episoden seines Romans äußerst "subtil" konstruiere - hier allerdings schleichen sich zuweilen auch kritische Nuancen in die ergriffene Kritik: Meyer scheint es zu stören, dass Kundera die Figuren wie ein Gott des Schicksals an den Fäden seiner Erzählkunst führt. Und dennoch, die letzten Worte von Meyers Kritik lauten: "Bewunderung und Lob".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.02.2001
Auch in seinem neuen Roman "Die Unwissenheit" knüpft Milan Kundera an sein bereits hinlänglich bekanntes Grundthema - den Prozess fortschreitender Entfremdung - an, berichtet Martin Lüdke. Altbekannt sei auch die hohe Erzählkunst des tschechischen Schriftstellers, der seit mehr als dreißig Jahren im französischen Exil lebt: Kundera verfügt souverän über seinen Erzählstoff, führt seine Figuren durch die Romane und hält dabei stets die Fäden der Regie in den Händen, lobt der Rezensent. Gekonnt verknüpfe er in seinen Geschichten die reine Erzählung mit essayistischen Ausflügen in die Kultur- und Sozialgeschichte und ergänze so den reinen Plot mit reicher Erkenntnis. Doch Lüdke, der, so lässt er in seiner Kritik durchblicken, sämtliche Werke des Autors gründlich gelesen hat, verortet in "Die Unwissenheit" einen Wendepunkt: dem Autor scheinen seine Figuren zu entgleiten. Es bleibt bei der Perspektivlosigkeit seiner Protagonisten. Und bei der Sinnlosigkeit ihres Lebens, dem der Autor früher stets in einer paradoxen Weise Sinn verliehen hatte. Mit "Die Unwissenheit" schließt Kundera einen Kreis, meint Lüdke: "Er ist von der Heimat in die Fremde gegangen und zurück in die Heimat, um doch nur endgültig in der Fremde anzukommen".
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