Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Englischen von Melanie Walz. Anil Tissera kehrt nach Jahren zurück in ihre Heimat Sri Lanka. Als Rechtsmedizinerin soll sie Beweise dafür liefern, dass in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche, die ganz unterschiedliche Menschen zusammenführt. Sarath, der Archäologe, Ananda, der Künstler und Anil suchen jeder auf seine Weise nach der Wahrheit, der Liebe und nach der Ursache eines Verbrechens.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2000
Das Gewebe der Handlung ist locker, die Gesamtkonzeption des Romans hat ihre Schwächen, meint Rezensent Hubert Spiegel. Das ändert für ihn jedoch nichts an der Brillanz einzelner Episoden. Wenn man das "beeindruckende" Buch aus der Hand lege, dann wisse man nicht, welche Bilder man im Gedächtnis behalten wird: "Bilder des Schreckens und der Grausamkeit, des Krieges und der Verzweiflung oder Bilder der Sanftmut und Fürsorge, der Liebe und der Poesie". Es geht, liest man, um eine junge Forensikerin namens Anil, die seit ihrer Schulzeit nicht mehr in ihrer Heimat Sri Lanka war und nun im Auftrag einer UN-Behörde zurückkehrt. Es herrscht Bürgerkrieg. Doch Ondaatje, meint der Rezensent, habe keinen Krimi oder Thriller über diesen Krieg geschrieben. Jedenfalls nicht direkt, wenn man den Rezensenten richtig versteht, der seine Probleme, "den Erzählbewegungen zu folgen", nicht verhehlt, sondern indirekt über die Geschichte Anils, die gekommen ist, um das Schicksal eines Einzelnen aufzuklären. Am erstaunlichsten fand der Rezensent schließlich, dass er nach "mehr als dreihundert Seiten, auf denen von Mord, Folter und Verstümmelung die Rede" war, schließlich das Gefühl hatte, Ondaatje habe von nichts anderem gesprochen, als von der "süßen Berührung der Welt", von der im letzten Satz des Buches die Rede sei.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.11.2000
Richtig gepackt und bewegt hat Michael Ondaatje den Rezensenten Ilija Trojanow mit seinem neuen Roman "Anils Geist" und das, obwohl der Roman alles andere als eine stringente Handlung hat und am Anfang sogar "stockend", "scheinbar unzusammenhängend" daherkommt. Diese vermeintliche Schwäche bezeichnet der Rezensent "als außergewöhnliche Fähigkeit, die Handlung mit vorsichtiger Akribie aus scheinbar unzusammenhängenden Details, aus Fetzen und Spuren, entstehen zu lassen" und lobt die detailgetreuen Recherchen des Autors. Ondaatje erzählt die Geschichte von Anil, die nach langen Auslandsaufenthalten nach Sri Lanka zurückkehrt, um dort im Auftrag von Amnesty International der Verwicklung von Regierungstruppen in Mord und Folter nachzugehen und sich im Zuge dessen unter anderem mit verschiedenen Konzepten, was Wahrheit überhaupt ist, konfrontiert sieht. Dabei arbeitet sich Ondaatje an dem Land ab, in dem er die erste Jahre seiner Kindheit verbracht hat, erklärt Trojanow und vermutet, dass er deshalb mit so großer Intensität am Werk ist. Der Meinung einiger Rezensenten, die "Anils Geist" einen Thriller nannten, widerspricht Trojanow ausdrücklich. Für ihn geht der Roman weit tiefer als ein Thriller: Ihn "schmerzt diese Lektüre, weil Ondaatje das Schreckliche und das Schöne unvermittelt nebeneinander stehen".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000
Sehr beeindruckt ist Peter Michalzik von Michael Ondaatjes neuem Roman. Er schätzt neben den erzählerischen Fähigkeiten und der genauen Recherche vor allem Ondaatjes "Technik des langsamen Enthüllens". Die Erzählung, diesmal in Sri Lanka angesiedelt, enthält nach Michalziks Meinung eine östliche und eine westliche Wahrheit. Anil, die Protagonistin des Romans, geht im Auftrag von Amnesty International dem Verdacht nach, die Regierung sei mitverantwortlich für die Gewalt, die auf der Insel herrscht. Wo es um Aufklärung geht, um "Fortschritt, Erkenntnis, Liebe, Verzweiflung", sieht der Rezensent westliches Denken beschrieben. Die Beschreibung der östlichen Seite bereitet Michalzik jedoch einige Schwierigkeiten. Sie hilft offenbar besser, "die nicht zu begreifende Gewalt", die auch Thema dieses Romans ist, zu verstehen. Ondaatje sei dabei auf der Suche "nach dem archimedischen Punkt der Gesellschaft", behauptet der Rezensent dunkel. Immerhin: am Ende seiner enthusiastischen Besprechung verkündet der Rezensent, "die süße Berührung der Welt" verspürt zu haben.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.09.2000
Weltberühmt geworden durch die Verfilmung seines Romans "Der englische Patient" hat Ondaatje hier ein thematisch durchaus verwandtes Buch vorgelegt, schreibt Ursual März. Auch hier geht es um Leiblichkeit, um die pflegende und heilende Sorge für den Körper des anderen, um leidenschaftliche Barmherzigkeit und ihre Nähe zur Sexualität. Eingebettet, so März, sind die großartigen Bilder der Anteilnahme und "Sexualität der Fürsorge" in die Geschichte dreier Menschen, Anil, Sarath und Gamini, die im Sri Lanka des Bürgerkriegs gemeinsam daran arbeiten, den Nachweis für die Beteiligung der Regierung an Morden zu beweisen. Sensibel für das Grundthema des Buches, die "Poetik der Körpernähe und Körperwürde", beklagt Ursula März dennoch die Disparatheit der von der "Peripherie" des Geschehens her erzählten Geschichte, denn der "Bildermaler und der Choreograph Ondaatje sind ... dem Konstrukteur Ondaatje überlegen", schreibt sie. Hinzukommt eine gewisse Statik, die, so meint Ursula März, sich der Statik des Barmherzigkeitsthemas verdankt; anders als die Dynamik sexueller Leidenschaft treibt nichts die Handlung von alleine voran. Ondaatjes lebe einmal mehr seine Tendenz zum "Tableau" und zur "Ikonografie" aus, seine "narrative Kraft" bleibt beschränkt, allerdings wird er so auch zum "Meister" der Darstellung von Ambivalenzen, die sich im Stillstand entfalten: ein "Rohdiamant, funkelnd nach allen Seiten", meint Ursula März.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.09.2000
Elke Schmitter listet in ihrer Rezension in freundlichem Ton die zahlreichen von ihr diagnostizierten Schwächen dieses Buchs auf. So findet sie die Handlung des Buchs „karg“, die Personen blass und wenig lebendig. Sie registriert etwas Unpersönliches und bedauert Ondaatjes Zurückhaltung, die ihn ihrer Meinung nach daran gehindert hat, mehr menschliche Aspekte in seine Geschichte einfließen zu lassen. Zwar ist viel von Gewalt die Rede, aber für Schmitters Empfinden erfährt man zu wenig über die Ursachen dafür. Gewalt scheint immer „schicksalhaft, zufällig“. Schmitter gefallen zwar die Landschaftsmalereien Ondaatjes sehr und seine Schilderungen von Riten untergegangener Königreiche, aber trotz allem erscheint ihr die Geschichte merkwürdig austauschbar: „nach Abzug der Folklore (könne sie) ebenso gut im Kongo spielen“, findet sie. Kein gutes Haar lässt Schmitter an der Übersetzung, die ihrer Ansicht nach „passagenweise jeder Beschreibung spottet“, wofür sie mehrere Beispiele zitiert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.08.2000
Michael Althen schätzt die Romane Michael Ondaatjes, aber er sieht auch ein Problem. Das gelte unverändert für den Nachfolger von "Der englische Patient". Viele einzelne Szenen und Passagen sind seiner Ansicht nach zwar verdichtet "zum poetischen Juwel", dazu gelingen Ondaatje - wie Althen anmerkt - geradezu "seismografische" Aufzeichnungen untergründiger Bewegungen. Die brillanten Szenen aber zu einer zusammenhängenden Erzählung zu verknüpfen, das schaffe er auch in "Anils Geist" nicht so recht - obwohl der Plot um die Gerichtsmedizinerin Anil Tissera sogar in gewisser Nähe zu den Kriminalromanen von Thomas Harris oder Patrica Cornwell stehe.
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