Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Michael Kumpfmüller

Hampels Fluchten

Roman

Cover: Hampels Fluchten

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2000
ISBN-10 3462029274
ISBN-13 9783462029277
Gebunden, 496 Seiten, 20,40 EUR

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Klappentext

Ein Buch über Politik und Liebe und die Betten im geteilten Deutschland, die Kumpanei mit der Macht, die Kunst der Verführung und die Weigerung, erwachsen zu werden. Heinrich Hampel, der seine Jugend in der Sowjetunion verbringt, flieht Anfang der 50er Jahre in den Westen und setzt sich aus Angst vor seinen Gläubigern kurz nach dem Mauerbau in die DDR ab. Er ist ein begnadeter Bettenverkäufer und phantasievoller Liebhaber, anpassungsfähig und aufmerksam, in der Liebe nicht weniger als im Leben. Hinreißende Frauen kreuzen den Weg dieses Helden, der am Ende seiner Suche nach dem Glück lernen muss, dass es irgendwann keinen neuen Anfang mehr gibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.01.2001

Auf welch unterschiedliche Weise von Ost und West erzählt werden kann, hat Hans W. Korfmann anhand von Michael Kumpfmüllers Roman "Hampels Fluchten" und Alexander Osangs "Die Nachrichten" für uns herausgefunden. Obgleich Korfmann beiden Büchern zunächst einen dem Leser Geduld abverlangenden Hang zur Behäbigkeit attestiert, kommt er recht schnell auf die feinen Unterschiede zu sprechen, die den einen Roman in seinen Augen eher blass, den anderen durchaus lesenswert erscheinen lassen. Wo Kumpfmüllers Hampel ohne eine Spur von Kausalität und ohne Witz und Spannung agiere bzw. hampele, so teilt uns der Rezensent mit, finde Osang mit seinem Blick auf den Beruf des Informationslieferanten immerhin sein Thema. Und nicht nur das. Osangs Held hat auch etwas auszuhalten: Die Gerüchte über eine IM-Tätigkeit, die den Himmel des ostdeutschen Nachrichtenkönigs verfinstern, sind für Korfmann das Salz in der Suppe. Im Gegensatz zu den syntaktischen Spielereien Kumpfmüllers ("suggeriert dem unbedarften Leser Literatur") ein Grund zum Weiterlesen - meint Korfmann.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2000

Andrea Köhler kommt in ihrer Kritik sofort zur Sache. Sie vergleicht den Autor mit einem kostümierten Leierkastenmann: "Er schreibt, als könnte er unter der Woche Büroangestellter sein: aufgesetzt, anachronistisch, demonstrativ liebenswert, ziemlich nervtötend". Es ist vor allem der Tonfall, mit dem Kumpfmüller seinen Mitläufer als im Grunde ganz liebenswürdigen Simpel beschreibt - ob unter Hitler, unter Ulbricht oder unter Honecker, überall hat er mitgemacht, aber sich nie was "richtig Schlimmes" aufs Gewissen geladen. Die Ereignisse werden ganz ohne Erschütterung beschrieben, Kumpfmüller komme mit einer "Träne im Knopfloch" aus. Köhler wittert hinter dieser in ihren Augen biederen Erzählweise durchaus Berechnung: Kumpfmüllers Taktik, die furchterregende deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts als "Aneinanderreihung kleiner Irrtümer" zu erzählen, konnte ihm nur Lob gewinnen: "Das ist die Klangfarbe, in der sich viele offenbar wiedererkennen", meint die Rezensentin böse.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.08.2000

Als "dickleibiges Epos", das frühzeitig "zur Sensation hochgejubelt" wurde, bezeichnet Kathrin Hillgruber diesen Roman über einen gewissen Heinrich Hampel, der 1962 aus der BRD in die DDR zurückgeht und hier wie dort als Bettenverkäufer reüssiert. Dabei liebt er es, hier wie dort eher unbeschwert als politisch aufmüpfig, seinen Kundinnen per Probeliegen seine Ware anzupreisen, wird jedoch, so Hillgruber, dabei weder ein "findiger Hochstapler wie Felix Krull" noch ein "Schelm wie der Soldat Schweijk": eher ist er nur ein schlichter "Genießer". Zum "Wenderoman" überhöhen sollte man den "von seinem erzählerischen Anspruch her konservativen, realistischen Roman" lieber nicht, meint die Rezensentin. Dabei hat er ihr ausnehmend gut gefallen, sein "Parlando-Ton" zum Beispiel, der ihn "leicht und verspielt" macht, obgleich durchaus Ernsthaftes im Hintergrund dräut: die zu "Reparationsarbeiten" in der Sowjetunion herangezogene Familie, und, mehr noch in die Gegenwart reichend, der familiäre Hang zum Wahn. Genau diesen hätte sich Kathrin Hillgruber mehr ausgearbeitet gewünscht; er hätte dieser "Parodie eines Entwicklungsromans" mehr von der "nötigen tragischen Grundierung" verliehen.

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.08.2000

Bevor er auf das Buch selbst zu sprechen kommt, beschreibt Rezensent Dirk Knipphals erst einmal den Trubel, der bereits vor Erscheinen des Bandes in der literarischen Öffentlichkeit losgebrochen ist. Dann rückt er den Mythos vom Debüt, das Kumpfmüller mit diesem Roman gibt, mit dem Hinweis auf Journalistisches, eine Dissertation und die Schublade zurecht, spricht von Hype und Mana. Dies alles aber nur, um dann selbst zu dem Resultat zu kommen, dass es tatsächlich ein großartiger Roman ist. Allerdings, nächste Pointe, die Erwartungen an den großen Zeitroman in der "Grass-Nachfolge" würden hier gerade dadurch erfüllt, dass Kumpfmüller sie "ad absurdum führt". Denn trotz des epischen Bogens, trotz der Ost-West-Thematik interessiere sich der Autor geradezu obsessiv immer nur für das eine: seinen Helden und dessen Amouren. Er lasse die Stasi Stasi sein und Deutschland Deutschland und beides nur "Spielmaterial" - und reüssiere dafür im Formalen: Die Sprache (besonders der Liebe) ist "ganz unverkrampft, ganz direkt, ganz zärtlich" und der Aufbau des Romans von großer "Raffinesse", meint Knipphals.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2000

Anlässlich der Erscheinung des in der FAZ bereits vorabgedruckten Romans von Michael Kumpfmüller tut die Zeitung etwas, das sie, worauf ausdrücklich hingewiesen wird, nur in Fällen vom Kaliber Heiner Müller, Böll oder Handke tut: sie bringt eine Doppelrezension. Berliner-Seiten-Chef Florian Illies äußert sich pro, Eberhard Rathgeb kontra.
1) Pro:
Die Generation Golf übt sich im literaturpäpstlichen Ton. Keinen Zweifel möchte Rezensent Florian Illies an der Bedeutung dieses Romans lassen und verkündet nach einer langen Lobeshymne zuletzt noch mit Pauken und Trompeten: "Es ist ein grandioses Buch eines großen neuen Autors über Deutsch-Deutschland nach 1945". Gelobt wird die Fabulierlust des Autor, die "Beiläufigkeit", mit der er die private vor dem unaufdringlich anwesenden Hintergrund der großen Geschichte erzähle. Rühmenswert sei die Sprache, weil sie nämlich "ruhig und klar und whiskeyfarben" ist, und klug sei der Verzicht auf lineare Chronologie. Wunderbar findet Illies die "Klammereinschübe" des ersten Drittels, schade sei nur, dass sie mit zunehmender Dauer verschwinden, dass allzuviele Briefabschnitte den Rhythmus etwas aus dem Tritt bringen. Dies aber, so Illies, bleiben kleine Einwände gegen ein großes Buch.
2) Kontra:
Das ist das richtige Buch für "die neue Berliner Mitte", findet Kontra-Rezensent Eberhard Rathgeb, und er meint das nicht als Kompliment. Symptomatisch sei es für eine - man muss wohl ergänzen: leichtfertige und verharmlosende - "Versöhnung mit der deutschen Geschichte", mit der Geschichte Ostdeutschlands insbesondere. Kumpfmüller bediene sich zur Erlangung dieses Zwecks eines Erzählergestus, der den Rezensenten an "Volksmusik erinnert", und der Geruch von "Mutterns Erbsensuppe" liegt auch in der Luft. Zudem sei es mit Hampel, der Hauptfigur, nichts Rechtes geworden, denn zum "Schelm" fehle ihm die "Seele". Stattdessen: "statistisches Bundesamt". Kein gutes Haar lässt Rathgeb der Vollständigkeit halber an der sonst viel gelobten Sprache: was erotisch gemeint ist, gelangt über den Appeal der "Beschreibung von Versandhauskatalogunterwäsche" nicht hinaus, und im Umgang mit Historischem gerät Kumpfmüllers Sprache zu kuschelweicher "Familienalbum"-Prosa, zürnt der Rezensent.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.08.2000

Insgesamt angetan ist der Rezensent Peter Michalzik vom Erstlingsroman von Michael Kumpfmüller, der sich über seinen Protagonisten Heinrich Hampel der heiklen deutsch-deutschen Thematik annimmt. Der Rezensent betont gleich zu Anfang, dass die Beachtung, die das Buch schon vor der Veröffentlichung erfahren hat, berechtigt und nicht etwa cleverem Marketing und dem allgemeinen Hype geschuldet ist: "[?] ein Autor, der sich auf der Höhe der Zeit bewegt und doch der Literatur im engeren Sinn zugehört." Kumpfmüller beschreibe das Leben und den unspektakulären Tod Hampels, der - ein paar Jahre nach seiner Flucht - in den Osten zurückkehrt. Von diesem Moment ausgehend blicke der Erzähler abwechselnd in die Vergangenheit und in die Zukunft. Die Stärke des Romans sieht Michalzik in dem von Kumpfmüller konsequent durchgehaltenen Stil. Vor allem das Wörtchen `und`, mit dem Kumpfmüller scheinbar fertige Sätze immer weiter gehen lässt, verleiht "seiner Prosa etwas Strömendes", stellt der Rezensent bewundernd fest. Das hat jedoch auch seine Kehrseite: so leide "unter dem Stilkorsett" häufig die "Fabulierlust" des Autors, den Nebencharakteren fehle es an Eigenleben, und auch die strenge Abwechslung von Rückblende und Vorausschau ist "manchmal sehr amüsant, aber auf Dauer manchmal etwas monoton", meint Michalzik in seiner sehr differenzierten Kritik des Romans.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.08.2000

Völlig begeistert ist Hajo Steinert von diesem Roman. Er kann kaum glauben, dass er es hier mit einem Debüt zu tun hat. Steinert freut sich über die unterhaltsame Geschichte, die "ohne einen einzigen Intellektuellen auskommt" und preist überschwänglich die Sprachbeherrschung des Autors, dem "keine falsche Metapher, keine schiefen Bilder, keine aufgesetzten Symbole, kein aufgekratzter Satzbau" unterlaufe. Schlechterdings "perfekt", urteilt der Rezensent. Und wenn man auch über einiges streiten könne - z. B. über die Art, wie der Autor mitunter den "rosaroten Mantel der Geschichte" über die DDR-Vergangenheit legt - sei der Roman "Unterhaltung auf höchstem Niveau" im Stil der Schelmenromane. So scheut sich Steinert auch nicht, den Autor in eine Reihe mit Döblin und Kästner, Novalis und Keller zu stellen.

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