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Michael H. Kater
Ärzte als Hitlers Helfer
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm und Renate Weitbrecht. Mit einem Vorwort von Hans Mommsen. "Rein und heilig werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren ... In alle Häuser, die ich betrete, werde ich eintreten zum Nutzen der Kranken, frei von jedem absichtlichen Unrecht", heißt es im hippokratischen Eid. Nur wenige Ärzte waren direkt an Menschenversuchen und Massenmorden in Konzentrationslagern beteiligt. Die Mehrheit des gesamten Berufsstandes verstieß jedoch alltäglich gegen den hippokratischen Eid. Diese ethische Korrumpierung der Ärzteschaft ist das zentrale Thema von Michael H. Kater. Er untersucht das Engagement von Ärzten in NS-Organisationen, die Formen ärztlichen Widerstands, die Entwicklung von Forschung und Lehre sowie die Studienbedingungen. Ein eigenes Kapitel ist den Ärztinnen und der Verfolgung der jüdischen Ärzteschaft gewidmet. Kater liefert Biografien von Funktionären im NS-Ärztebund, von Ideologen der Neuen Deutschen Heilkunde und von Rassenkundlern.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2001
In einer Sammelrezension bespricht Udo Schumacher drei Bücher, die sich mit Ärzten im Nationalsozialismus befassen.
1.) Michael H. Kater: "Ärzte als Hitlers Helfer" (Europa Verlag)
An diesem Buch gefällt des Rezensenten besonders, dass sich der Autor weniger mit einzelnen Personen beschäftigt, sondern vielmehr die "sozioökonomischen Bedingungen" von Medizinern im Dritten Reich unter die Lupe nimmt, also auch die medizinischen Fakultäten untersucht sowie u. a. die Vorurteile deutscher Ärzte gegenüber ihren jüdischen Kollegen. Bedauerlich findet Schumacher es lediglich, dass das Buch bereits 1989 verfasst wurde und daher neue Erkenntnisse zu kurz kommen. So habe Kater eine "Kontinuität zwischen Medizin(historik)ern in der NS-Zeit und der Jetztzeit" diagnostiziert, doch gerade in den vergangenen zehn Jahren hat sich darüber eine intensive Debatte entwickelt, so der Rezensent. Dass Kater sich in seinem Buch auch ausführlich mit dem Kostenfaktor von Kranken beschäftigt, der in der NS-Zeit ein wichtiger Aspekt für die Vernichtung `unwerten Lebens` darstellte, gehört für Schumacher zu den Stärken des Buchs. Denn gerade die Kosten und Effizienz von Medizin spiele in der Gegenwart wieder eine wichtige Rolle im Gesundheitssystem, insofern biete das Buch einen "guten Einstieg in die historische Dimension solcher Diskussionen".
2.) Hans-Hennig Scharsach: "Die Ärzte der Nazis" (Orac Verlag)
Auch hier lobt der Rezensent Scharsachs Beschäftigung mit dem Medizinsystem der NS-Zeit als einem System, das auf Effizienz und Kostenersparnis ausgerichtet war. Und auch hier liegt für Schumacher der Wert des Buchs vor allem darin, die gegenwärtige Debatte über Einsparungen im Gesundheitssystem in ihrem historischen Kontext zu begreifen. Ansonsten sieht der Rezensent hier "nahezu alle Aspekte der Medizin der NS-Zeit behandelt": Die Rassegedanken, Themen wie Euthanasie und auch die Menschenversuche in Konzentrationslagern - auch wenn diese Informationen bereits in früheren Publikationen zu finden waren. Interessant findet er den Fall des österreichischen Arztes Heinrich Gross, der während des Krieges an Gehirnen getöteter Kinder geforscht hatte und dennoch bis in die Gegenwart als Gerichtsgutachter tätig war. Ein Verfahren gegen Gross wurde erst im Jahre 1999 eingeleitet. Für Schumacher ein Indiz, dass die Vertuschung solcher Gräuel inzwischen gesellschaftlich nicht mehr geduldet wird.
3.) Ernst Günther Schenck: "Dr. Morell" (Verlag S. Bublies)
"Wenig empfehlenswert" findet er dagegen dieses Buch, und zwar nicht nur, weil man über Hitlers Leibarzt Dr. Theo Morell eigentlich nur sehr wenig erfahre, sondern weil der Autor selbst eine heikle Rolle in der NS-Zeit gespielt hat. So erfährt der Leser, dass Schenck während des Dritten Reiches Mitglied der SA, der NSDAP, des NS-Ärztebundes sowie der Waffen-SS war und selbst Ernährungsexperimente an KZ-Insassen durchgeführt hat. Was den Inhalt des Buchs betrifft, so bleibt nach Schumacher unklar, ob Schenck und Morell sich persönlich gekannt haben. Auch die Rolle Morells als Hitlers Leibarzt bleibe im Dunklen. Ausgewertet wurden nämlich vor allem "Morell-Papiere", die in Washington aufbewahrt wurden. Zu den Informationen, die dieses Buch bietet, gehören nach Schumacher vor allem unverfängliche Tätigkeiten Morell, wie beispielsweise sein Versuch, Penicillin in Deutschland einzuführen oder seine Anstrengungen, ein elektronenmikroskopischen Labor einzurichten.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.09.2000
Christoph Jahr bespricht zwei Bände zum Thema "Ärzte im Nationalsozialismus", die aus völlig unterschiedlicher Perspektive den Ärztestand jener Zeit ins Visier nehmen.
1) Michael H. Kater: "Ärzte als Hitlers Helfer"
Zu reißerisch findet Jahr den deutschen Titel dieses Standardwerks, das bereits 1989 im kanadischen Toronto als "Doctors under Hitler" veröffentlicht wurde. Das Buch zeichnet sich gerade durch profunde und differenzierte Recherche aus, so Jahr, die sich keineswegs nur auf den bekannten KZ-Arzt Mengele erstreckt, sondern die ganze Ärzteschaft unter die Lupe nimmt. Und dabei hat Kater Erstaunliches zutage gefördert, berichtet Jahr: gerade die Ärzteschaft war einer der am meisten naziorientierten Berufsstände. In Zahlen ausgedrückt: die Ärzte waren etwa im Verhältnis 3:1 in der NSDAP überrepräsentiert, in der SS sogar 7:1. Jahr erklärt diese Tatsache damit, dass der Elite- und Euthanasiegedanke eine große Faszination auf die Ärzte ausgeübt haben muss; "moralische Blindheit" war wohl die häufigste Krankheit der NS-Zeit, konstatiert der Rezensent.
2) Eduard Seidler: "Verfolgte Kinderärzte 1933-1945"
Der Antisemitismus war auch eine nützliche Angelegenheit für solche Ärzte, die sich so allzu großer Konkurrenz entledigt konnten, meint Jahr und berichtet weiter, dass 40 Prozent der medizinischen Hochschullehrer ihre Stelle aufgeben mussten. Neben den Hochschullehrern waren es die einfachen Ärzte, von denen etwa 15 Prozent als jüdisch klassifiziert wurden, und die Kinderärzte, von denen sogar 50 Prozent als jüdisch galten, die gezwungen waren, ihre Arbeit aufzugeben. Was mit ihnen passierte, listet ein von der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Auftrag gegebenes Buch auf, das, wie der Rezensent schreibt, naturgemäß unvollständig ausfallen muss. Etwa 600 Einzelschicksale konnten recherchiert werden, berichtet Jahr, einem Teil der jüdischen Ärzteschaft gelang die Flucht, viele andere starben durch Deportation.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.03.2000
Den Titel dieser Untersuchung findet Harald Jenner "unglücklich gewählt". Das Buch erschien bereits vor zehn Jahren in englischer Sprache und kann den Kritiker - trotz mehrfacher Überarbeitung - nicht wirklich überraschen. Er gibt einen faktenreichen Überblick über das Thema, dem zunächst die Wertung des Buches nicht anzumerken ist. Die kommt erst zum Schluß und ist vernichtend. Da bleibt kaum Zweifel, daß Jenner diesen Band als wenig seriös einstuft. Auch sonst stimmt für ihn fast nichts an diesem Buch: die Übersetzung von Katers "engagierter und leicht pathetischer" Sprache findet er missglückt, die verlegerische Betreuung mangelhaft: schwierig aufzufindende Anmerkungen, unzulängliches Register, schlechte Bibliographie, um nur das Gröbste wiederzugeben.
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