Bücherschau der Woche
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Klappentext
Ein Landarzt erfährt die kleinen und großen Dramen des Lebens, denn zu ihm gehen sie alle: die Schwangere, die abtreiben lassen will, der Rentner, der sich jeden Monat wiegen läßt, weils die Kasse zahlt, Annies Mutter, weil ihre Tochter nicht mehr ißt, und Annie, weil sie ihre Mutter nicht mehr erträgt. Bruno Sachs, der Mann mit der Brille und dem Helfersyndrom, ist einer, der noch zuhören kann, denn: das Leben schreibt die besten Geschichten.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.07.2000
Martin Krumbholz stellt zunächst klar, dass es sich hier - jawohl - um einen Arztroman handelt, sogar einen, in dem der Doktor am Ende ganz klassisch eine Patientin ehelicht. Soviel zu den Klischees, die Winckler jedoch nach Ansicht des Rezensenten gleich darauf "subversiv unterhöhlt". Denn Doktor Sachs ist selbst malade, er krankt an unheilbarem Mitfühlen mit seinen Patienten, was natürlich zu so mancher Erschwernis bei der Ausübung seines Berufs führt, so Krumbholz. Ihm erscheint es sinnvoll, dass Winckler seinen Protagonisten vor allem aus der Sicht anderer ("Freunde, Kollegen, Geliebten, Mütter Sprechstundenhilfen") geschildert hat, was nicht nur recht verschiedene Sichtweisen auf den Doktor ermöglicht, sondern auch stilistischen Facettenreichtum zur Folge hat. Krumbholz gefällt nicht nur, dass der Autor das "Zunftdenken, (...) die Eitelkeit und Selbstherrlichkeit der Halbgötter in Weiß" auf die Schippe nimmt. Vielmehr betont er das "ironisch-verspielte" in diesem Roman, in dem es nicht nur um Gesund- oder Kranksein geht, sondern um das Leiden, das das Leben eben so mit sich bringt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2000
Joseph Hanimann beschreibt kurz den Erfolg dieses "auf wunderbar spröde Art menschenfreundlichen Romans" in Frankreich: Er sei vom Publikum entdeckt worden, anders als sein "radikales Gegenstück", Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen", der von der Kritik entdeckt wurde. Dann führt der Rezensent detailliert in die Erzählform ein: Die Person des Arztes entsteht durch ein "filmisch geprägtes Darstellungsverfahren", nämlich die inneren Monologe seiner Patienten, erst nach und nach. Erst als er selbst anfängt zu schreiben, wird der Arzt ein "ich". Der Autor, selbst praktizierender Allgemeinarzt, erzählt "knapp, sachlich, beinahe lakonisch", lobt Hanimann. Am Ende noch eine rätselhafte Verbeugung vor dem Übersetzer Eugen Helmlé: Das Buch sei im Rhythmus aus finsterer Hoffnung und forscher Verzweiflung geschrieben. "So ist es auch übersetzt."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2000
Einen Arztroman besonderer Güte hat uns da der 1955 in Algier geborene französische Schriftsteller Martin Winckler geliefert, findet Peter Urban-Halle und verrät uns, daß dieser Name das Pseudonym von Marc Zaffran ist und auf Zaffran/ Wincklers großes literarisches Vorbild Georges Perec zurückgeht. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Landarzt namens Sachs, der abwechselnd aus der Sicht seiner Patienten und Freunde beschrieben wird. "Man kann das Buch für eine ausufernde Schwarte halten", meint Urban-Halle, aber wer das tut, der liege falsch. Der Spaß komme mit dem Lesen und Zusammenfügen der vielen kleinen Geschichten, die wie Teile eines Puzzles erst als ganzes einen Sinn ergeben.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2000
In einer sehr positiven Kritik verweist Hans Grössel auf den Einfluss des experimentellen Schriftstellers Georges Pérec auf Martin Winckler. Wie Pérec wähle Winckler keine konventionelle Erzählperspektive für seine Geschichte eines Landarztes, der zum Schriftsteller wird, sondern nähere sich ihm über eine Art Puzzle in 113 Abschnitten an --diese Erzählweise hat dem Buch in Frankreich übrigens nicht im geringsten geschadet, es war dort einer der größten Bestseller der letzten Jahre. Auch Grössel scheint fasziniert von Wincklers vielfach gespiegelten und gebrochenen Blicken auf seinen Arztberuf, den er einerseits liebe, an dem er aber andrerseits auch scharfe Kritik übe. Ein "lebens- und leidensvolles Buch".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.03.2000
Kein Zweifel, Wincklers Roman und ihre deutsche Übersetzung durch Eugen Helmé hat Mängel, und verdient es "mit dem Plastikwörtchen `postmodern` dekoriert zu werden". Der launige Kritikerton aber lässt schließen, dass Rezensentin Sacha Verna sich trotzdem recht gut unterhalten hat. Irgendwie klingt die Geschichte auch ganz reizvoll: aufgebaut sei sie wie die Anamnese eines Arztes - der Held ist schließlich selbst einer. Dann Finten, Fallen, Anspielungen. Der Leser muß puzzeln, liest man. Am Ende landet er dann selber im Sprechzimmer des Arztes. Und da: Sacha Verna verrät das Geheimnis des Romans, der Leser ist um die Überraschung gebracht. Spielverderberin!
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