Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Jurko Banzai, Biologiestudent aus Lemberg, kommt als Referendar an ein College in der kleinen Karpatenstadt Midni Buky. Lebensgefährliche Experimente mit selbstgezüchteten Sporenarten liegen hinter ihm, die Neugier auf die Nachtseite der Realität ist geblieben. In seiner Dachwohnung, die er aus Geldmangel mit den Orchesternoten von Wagners "Fliegendem Holländer" tapezieren musste, raucht er Wasserpfeife, hört Peter Hammill und übt sich in der Kunst des luziden Träumens, die ihn in die Bibliothek von Babel entführt.
Zu seinem Schrecken verliebt er sich in eine Schülerin: Daria Borghes, lese- und erfahrungshungrig wie er selbst. Je intensiver sie füreinander zu fühlen beginnen, um so unbegreiflicher und beängstigender wird die Wirklichkeit. Bis sie erkennen, daß sie in den Machtbereich des geheimnisvollen Roman Korij und seiner "unaussprechlichen Kulte" geraten sind.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.12.2005
16 Jahre alt war Ljubko Deresch, als er "Kult" schrieb, ein Buch, das Christoph Schröder "nicht unbedingt" für ein gutes hält, aber dessen Verfasser er "echtes literarisches Talent" bescheinigt. Vor allem die Liebesszenen in dem ansonsten eher schrillen Buch findet er gelungen. Schrill sei die Zusammensetzung des Soziotops, das Deresch beschreibt, ein Dorf und ein College in den abgelegenen Karpaten, wo sich Paranoiker, Esoteriker, Drogenkonsumenten, Erleuchtete tummeln, die jede Art von Kulten ausprobieren. Eine Mischung, schreibt Schröder, aus westlichem Trash und postkommunistischer Depressionsliteratur. Sei der Text im ersten Teil noch einigermaßen geordnet, so ufere die Geschichte im zweiten völlig aus, wandle auf halluzinatorischen Pfaden und ruft beim Rezensenten Erinnerungen an Geschichten von H.P. Lovecraft und Stephen King hoch. Das sei einerseits "gekonnt", meint Schröder, andererseits auch ziemlich "pubertär" und "ungeheuer anstrengend".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.11.2005
Alles in allem findet Katharina Granzin das Cover von Ljubko Dereschs Buch schöner als dessen Inhalt. "Schnörkelige Jugendstil-Buchstaben" auf orange und dazu das Andy-Warhol-mäßig gestaltete Konterfei des "attraktiven Jungschriftstellers" beeindrucken sie ebenso wie die Tatsache, dass Deresch im zarten Alter von 21 Jahren von Suhrkamp verlegt wurde. In seinem Buch unterrichtet Biologiestudent Jurko als Lehramtsanwärter in einem kleinen Gymnasium, verliebt sich in eine Schülerin und übt sich kiffend in Bewusstseinserweiterung. Doch eigentlich geht es um die "mannigfaltigsten Erscheinungsformen" von Kulten und Riten, meint die Rezensentin, um eine Jugend, die "das Bestehende ablehnt", aber keine alternativen Werte hat. Schade nur, dass das Ganze sehr "kraft- und schlaumeierisch" daherkommt. Deresch, so vermutet die Rezensentin, hat all seine "Lesefrüchte zu einem bunten Wörterhaufen gemischt", der bei allem üppigen Schein doch "reichlich belanglos" ist. Dafür entschädige auch das "Horror-Splatter-Finale" nicht, das allerdings - für sich allein genommen - die Lektüre zu einem spaßigen Erlebnis mache.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.11.2005
Wie der Name schon sagt, das Buch ist ein "Kult"-Buch. Das war es auch in der Ukraine, wo das Original 2001 erschienen ist, teilt Ijoma Mangold mit. Der Rezensent ist ehrlich genug zuzugeben, dass er dem Roman schon deshalb positiv gegenüber tritt, weil er aus dem "wilden Osten" kommt. Stammte das Buch von einem Autor wie Benjamin Lebert, gesteht Mangold ein, der dazu im "saturierten Westen" lebte, er würde den Roman als "epigonal" abtun. Deresch orientiere sich sichtlich an Viktor Pelewin und dessen Radikalismusfantasien, meint Mangold. Ebenso wild und abgedreht wie sein russischer Kollege in "Generation P" schlägt er in seinem Roman um sich, der einen ehemaligen Biologiestudenten zur Hauptfigur hat, der wiederum an einem College unterrichtet und auf ein verrücktes Kollegium und noch verrücktere Studenten trifft. Was die Studentenszene in "Kult" anbelangt, sieht Mangold eine Mischung aus westlichen "Esoterikritualen und Kunstmanifestationen" der letzten Jahrzehnte in Szene gesetzt, die "ideologisch entkernt" ihr Revival in der postsowjetischen Ukraine feiern. Eine krude und immer abgefahrenere Mischung, versichert Mangold halb fasziniert, halb abgestoßen, um sich schließlich dann doch von dem zunehmend gruseligen aber spannenden Ende in den Bann ziehen zu lassen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.11.2005
Georg Diez ist ganz hingerissen von Ljubko Deresch, der ihn an frühere - bessere? - Zeiten erinnert. Der erste Roman, den der Ukrainer Deresch bereits im Alter von 16 Jahren schrieb, "klingt wie 1975, riecht wie 1975, aussieht wie 1975". Der Lehrer Jurko Banzai experimentiert mit seiner Schülerin Daria Borges in der hintersten Ukraine mit Drogen, freier Liebe und ein wenig psychedelischer Paranoia. Das gab es alles schon mal, aber Deresch macht laut Diez etwas Besonderes daraus, indem er übergangslos wechselt "zwischen Pathos und Ironie, verbogenem Zitat und rußgeschwärzter Empfindung". Auch inhaltlich herrscht eine überschwängliche Leidenschaft am Sammeln und Neukombinieren von "Trash, Mystical, Horror und Stephen King". Mit Verweisen auf den Westen wie den Osten schafft es Deresch offenbar, nicht nur Vergangenes wiederzubeleben, sondern eine Art Manifest der neuen Generation zu verfassen, wenn man Diez glauben mag. Der ist jedenfalls begeistert von den lebendigen Gegensätzen des Romans und wird sogar noch nach Einbruch der Dunkelheit vom "wüsten, sprunghaften, komischen rasenden Spiel" Dereschs verfolgt. Denn: "Dieses Buch leuchtet in der Nacht". Zumindest auf dem Diezschen Nachtkästchen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.10.2005
Karl-Markus Gauß empfindet als beeindruckendste Leistung des Romans "Kult" von Ljubko Deresch, dass der Verfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift erst 16 Jahre alt war. Wie viele Anspielungen, von Borges bis Andruchowytsch! Welch eine Belesenheit! Ansonsten ist die Haltung des Rezensenten gespalten. Gefällt ihm noch, trotz gelegentlicher Forciertheit der Formulierungen, die satirische Darstellung des Lebens in einem Provinzinternat samt Liebesgeschichte, überfordert die Entwicklung hin zu einem an H. P. Lovecraft geschulten Fantasy-Werk, in dem das "irdisch Gute" gegen "das außerirdisch Böse" kämpft, sichtlich die Bereitschaft von Gauß, sich mit dem Trivialromanhaften einzulassen. Derlei hält er direkt für "Schwachsinn". Und vom "Großen Wurm Yog-Sothoth" will er schon gar nichts wissen.

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