Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Katrin Meyer, Barbara von Reibnitz (Hrsg.)

Friedrich Nietzsche / Franz und Ida Overbeck: Briefwechsel

Cover: Friedrich Nietzsche / Franz und Ida Overbeck: Briefwechsel

J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2000
ISBN-10 347601617X
ISBN-13 9783476016171
Gebunden, 535 Seiten, 44,99 EUR

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Klappentext

Overbeck und Nietzsche verband eine lebenslange Freundschaft, die nach Overbecks Heirat auch Ida Overbeck-Rothpletz miteinschloß. 1870 wurde Franz Overbeck in Basel Nietzsches Wohnungsnachbar. Aus dieser Begegnung entwickelte sich ein intensiver persönlicher und intellektueller Austausch, der sich in den Frühwerken der beiden kritischen Denker niederschlägt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.11.2000

Manfred Schneider stellt zwar fest, dass der von Kathrin Meyer und Barbara von Reibnitz herausgegebene Briefwechsel zwischen Nietzsche und dem Ehepaar Overbeck nichts wirklich Neues liefere, dennoch legt er dem Leser diese "sorgfältig edierte und kenntnisreich kommentierte Ausgabe" wärmstens ans Herz. Sie sei ein bewegendes Dokument über eine Freundschaft, die Nietzsches Leben ab 1875 aus der Perspektive zweier ihm innig verbundener Menschen illustriert. - Und eigentlich gibt es doch etwas Neues: Schneider hebt hervor, dass die Herausgeberinnen die Rolle Ida Overbecks in dieser Freundschaft stärker hervorheben. Abschließend kommt er zu dem Urteil: "Der Briefwechsel Nietzsches mit den Overbecks erlaubt ein Urteil, wie sehr der Unzeitgemäße das Werk nicht nur sich selbst, sondern auch guten Freunden abgerungen hat."

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.08.2000

In einer Sammelrezension bespricht Ludger Lütkehaus vier Bücher, die seiner Ansicht nach zusammen Nietzsches Leben "so vollständig und anschaulich wie nie verfolgen" lassen.
1.) "Friedrich Nietzsche/Franz und Ida Overbeck: Briefwechsel" (J. B. Metzler Verlag)
Für Lütkehaus ist Overbeck der "eigentliche Held dieses Briefwechsels". Der Rezensent zeigt sich nicht nur beeindruckt von Overbecks langjähriger und aufrichtiger Treue seinem Freund Nietzsche gegenüber. Bemerkenswert findet er auch, wie sehr der Kampf um Nietzsche hier deutlich wird, gerade auch angesichts der verfälschenden Nietzsche-Vermarktung durch dessen Schwester Elisabeth Förster. Lütkehaus ist zwar der Ansicht, dass Overbeck wirklichen Konflikten in dieser Frage aus dem Weg gegangen ist und dadurch letztlich die fragwürdige Nietzsche-Rezeption späterer Jahre teilweise - unbeabsichtigt - mitverantworten muss. Deutlich werden nach Lütkehaus jedoch die Selbstvorwürfe Overbecks und die Themen, die beide häufig besprechen. Dies sind vor allem auch Tod und Wahnsinn. Was Nietzsches Briefe betrifft, so hält der Rezensent diese für seine eigentliche "Autobiografie".
2.) Franz Overbeck: "Werke und Nachlass in neun Bänden" (Metzler Verlag)
Für dieses Buch gilt nach Ansicht des Rezensenten in mehrfacher Hinsicht ähnliches wie für den Briefwechsel zwischen Overbeck und Nietzsche. Beide Bücher bezeichnet Lütkehaus als "unvergleichliche Dokumente", die darüber Aufschluss geben, wie sehr Overbeck um die Freundschaft und auch um sein Nietzsche-Bild, dass Elisabeth Förster bedrohte, gekämpft hat.
3.) Friedrich Nietzsche: "Chronik in Bildern und Texten" (Hanser Verlag)
Lütkehaus weist zunächst darauf hin, dass es sich hier um den Begleitband zur Weimarer Nietzsche-Ausstellung handelt. Zwar weist der Rezensent Kritik an der Ausstellung und an dieser Chronik als "philosophisch uninteressantes Potpourri" nicht zurück, allerdings ist er dennoch der Ansicht, dass auch "Nietzsche-Kenner" hier so manche Entdeckung machen können. Auch wird, wie der Leser erfährt, deutlich, inwiefern Örtlichkeiten einen Einfluss auf Nietzsches Leben wie auch auf sein Denken gehabt haben.
4.) David Farell Krell/Donald L. Bates: "Nietzsche - der gute Europäer" (Knesebeck Verlag)
Störend findet Lütkehaus an diesem Band, dass Nietzsche hier - "ästhetizistisch zugerichtet" - als "guter Europäer" präsentiert wird. Allerdings lobt er den Band als durchaus auch in philosophischer Hinsicht interessant. So werde deutlich - wie übrigens auch in der "Chronik" - wie sehr für Nietzsches Denken "die zeitliche Dimension zentral ist".

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.04.2000

Albert von Schirnding empfiehlt dringend, die neue Edition der Briefe Nietzsches an Overbeck ("Briefwechsel", 2000, Metzler Verlag) zusammen mit Overbecks Nietzsche-Notizen ("Werke und Nachlaß. Band 7/2: Autobiografisches", 1999, Metzler Verlag) und dessen Briefwechsel mit Köselitz ("Briefwechsel", 1998, Verlag de Gruyter) zu lesen. Und so beschäftigt sich die ausführliche Rezension mit allen drei genannten Bänden, denn gemeinsam ließen sie sowohl ein "authentisches Nietzsche-Porträt" als auch die gleich nach dessen Tod einsetzende "Verzeichnung des Bildes" sichtbar werden. Erstmals seien nun alle wichtigsten Texte greifbar, die die "sogenannte Basler Tradition begründeten und deren Gegnerschaft zu Weimar die Nietzsche-Forschung jahrzehntelang zum Kriegsschauplatz" gemacht hätten. Trotz aller Bemühungen gelingt es von Schirnding, der offensichtlich über weitreichende Kenntnisse verfügt, nicht vollständig, dem Leser die verwirrende Editionsgeschichte der verschiedenen Korrespondenzen zu erhellen. Doch versteht man, dass der Rezensent überzeugt ist, dass nun ein ausgewogenerer Blick auf sich widersprechende Positionen möglich ist.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2000

Schon Stefan Zweig hat geschrieben, daß die Briefe Friedrich Nietzsches an seinen Freund Franz Overbeck zur "Entheroisierung" des vermeintlichen Künstlergenies beitrügen. Die neue und erstmals komplette Herausgabe des Briefwechsels zwischen Overbeck und Nietzsche bestätige diesen Eindruck, schreibt Friedrich Wilhelm Graf in seiner Besprechung. Ergänzt um die persönlichen Aufzeichnungen Overbecks zeichneten diese beiden "kenntnisreich eingeleiteten und kundig kommentierten" Neu-Ausgaben ein genaues Bild des akademischen Milieus in Basel gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
1) "Friedrich Nietzsche/ Franz und Ida Overbeck: Briefwechsel"
Der Theologe Overbeck war 1871, ein Jahr später als Nietzsche nach Basel gekommen. Sie teilten die wissenschaftliche Vorliebe für die Antike und das Urchristentum und bildeten eine Zeitlang eine Art Forschungs- und Lebensgemeinschaft, aus der Nietzsche 1879 ausbrach. Zeugten die frühen Briefe "in ironischen Sprachspielen und polemischen Pointen" noch vom "Übermut der jungen Gelehrten", schreibt Graf, stilisiere sich Nietzsche nach seinem Ausbruch aus dem Basler Akademiker-Milieu 1879 zunehmend als "gottgleicher Künstler". Overbeck blieb seinem Freund treu, rang aber zunehmend "um analytische Distanz", was ihm, so Graf, auch im verzweifelten Versuch, den Freund mit seinen psychischen Krisen zu verstehen, gelungen ist.
2) Franz Overbeck: "Autobiographisches. Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde"
Zeit seines Lebens, auch nach Nietzsches Tod und mit dem sich schnell entwickelnden Kult um den wahnsinnig gewordenen Philosophen, arbeitet sich Franz Overbeck an der komplizierten Freundschaft mit Nietzsche ab. Er überdenkt alte Sichtweisen immer wieder neu, was insbesondere seinen Notaten, schreibt der Rezensent lobend, ihren "offenen, widersprüchlichen Charakter" verleiht . Sie spiegelten die innere Zerrissenenheit Overbecks wider, der auch in theologischen Angelegenheiten zum Skeptiker und antibürgerlichen Intellektuellen wurde und beleuchteten die zunehmend durch die Beziehung zu Nietzsche gestörte Freundschaft mit dem deutschen Historiker Heinrich Treitschke.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000

In einer Doppelrezension bespricht Henning Ritter die folgenden beiden Bände zu Friedrich Nietzsche bzw. Franz Overbeck
1) Nietzsche/Overbeck: "Briefwechsel"
Seit der kritischen Nietzsche-Gesamtausgabe durch Colli und Montinari ist Overbeck, so Ritter, der "stille Säulenheilige", der gegen die Editionspraxis der Nietzsche-Schwester von Anfang an opponierte und seine eigenen "Nietzscheana", vor allem die Briefe des Freundes, ihrem Zugriff zu entziehen trachtete. Die erstmalige Veröffentlichung des gesamten Briefwechsels zwischen Nietzsche und Overbeck ist deshalb keine Frage des "Sieges" über andere Interpreten mehr, sondern, so Ritter, vielleicht eher ein Sieg "über Nietzsche selbst". Ausführlich geht der Rezensent darauf ein, wie sich Nietzsche beständig in seinen Briefen an Overbeck beklagt, dass der Freund bei aller Aufmerksamkeit immer wieder eher dem lahmen Trösten zuneigt als ein wirkliches "Echo" auf das Werk des Philosophen zu geben. Ritter vermutet, der Nietzschesche Fluch über das Mitleid sei auch aus solchen Erfahrungen erwachsen und meint, Overbecks Situation als "ungläubig gewordener Theologe" hat die beiden Freunde zwar einander sehr nahe gebracht, gleichzeitig sie auch "am weitesten voneinander geschieden". - Schade, dass der Rezensent kein Wort sagt zu der im Titel des Bandes auch erwähnten Ida Overbeck. Was ihre Rolle innerhalb dieser Männerfreundschaft war, und ob sie überhaupt eine spielte, darüber erfährt der Leser in dieser Besprechung nichts.
2) Overbeck: "Werke und Nachlass. Band 7/2. Autobiographisches"
Das "Rätselhafte" der Freundschaft zwischen Nietzsche und Overbeck, so Ritter, wird umso erstaunlicher, wenn man die "kühlen, fast buchhalterischen" Notizen Overbecks über Nietzsche liest. Sie vermitteln in ihrer analytischen Schärfe den Eindruck, Overbeck habe sich aus der Erfahrung, im Falle seines Freundes genau das zu erleben, was er als Forscher des frühen Christentums schon als Katastrophe erkannt hatte, nämlich eine Kanonisierung aus Unverständnis, vor allem mit heftiger Gegensteuerung beschäftigt. Seine Kritik an Nietzsche trifft vor allem dessen Ideal der Macht und die "Gewalt, mit der er sich behandelt". Als größtes Talent sieht er die Fähigkeit zur "Seelenanalyse", die Nietzsche jedoch durch Anwendung an sich selbst "tödlich" gefährdete und ihn schließlich "entseelt" habe. Ritter meint abschließend, die Overbecksche Kur gegen die Kanonisierung habe bis heute Folgen gezeitigt, nämlich einerseits in einem eher brav-philologischen Umgang mit seiner Philosophie und andererseits in einer um Genauigkeit unbekümmerten "philosophischen Belletristik".

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