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Katherine Boo
Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann. Annawadi ist ein Slum jenseits des luxuriösen Flughafens von Mumbai. Hier wohnen Tausende Menschen in notdürftig errichteten Hütten. Eng ist es hier und schmutzig. Und nicht selten fallen hungrige Ratten nachts über die Kinder her. In Annawadi lebt Abdul, der Müllsammler. Dass er geschickt ist in seinem Job, dass er Müll zu sammeln, zu sortieren und weiterzuverkaufen weiß wie kein Zweiter, ruft viele Neider auf den Plan. Denn der Erfolg des einen bedeutet den möglichen Ruin des anderen. Und jeder in dem Slum kämpft mit allen Mitteln um die pure Existenz. Katherine Boo erzählt nicht nur die Geschichten der Menschen in Annawadi - sie erzählt auch von ihrer Hoffnung und ihrem Streben nach einem besseren Leben und von den Auswirkungen des westlichen Konsums bis in dieses Eckchen der Welt.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2012
Bernard Imhasly findet dieses zwischen Reportage und Roman angesiedeltes Werk der amerikanischen Journalistin Katherine Boo bedeutend, verändert es doch seine Sicht auf die Slums von Mumbai. Die Vorort-Recherche der Autorin im Annawadi-Slum trägt entscheidend dazu bei. Imhasly erfährt so zuverlässig, wie wenige Chancen die Slumbewohner wirklich haben, ihr Leben zu verbessern und dass ein schweres gemeinsames Schicksals noch lange kein Garant für Solidarität ist. Als Sozialromantikerin begegnet ihm Boo also nicht, aber auch nicht als Zynikerin. Schließlich erläutert Boo die Sozialisation der in ihrem Buch ungeschminkt und weitgehend ohne die Ordnung eines Ich-Erzählers zu Wort kommenden Figuren, zu denen Imhasly Distanz entwickelt und auch Mitgefühl. Für Letzteres sorgen laut Rezensent die Suggestivkraft von Boos Beschreibungen sowie die hautnahe Gegenwart der sprechenden Figuren. Ein Buch, so genau wie eine Reportage, doch mit der Sensibilität eines Romans, meint Imhasly beeindruckt. Die deutsche Fassung greift dem Rezensenten leider allzu oft daneben. Die Sprache der porträtierten Slumbewohner mit norddeutschem Slang zu übersetzen, hält er für keine gute Idee.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2012
Dirk Knipphals fühlt sich von dieser "großartigen Reportage" über zwei junge Müllsammler in Mumbai an eigene Besuche und Erlebnisse in der indischen Metropole erinnert, in der schreiendes Elend und überbordender Luxus auf unheimliche Weise aufeinanderprallen: Die Bilder, die er sah und nun beim Lesen wieder vor Augen hat (nicht ohne einige davon ausführlich zu schildern), stehen nicht nur im Kontrast zum gemütlichen Mitteleuropa, sondern verweisen in ihrer heutigen Präsenz geradezu auf die Wiederkehr von Lebensumständen, die dieses Europa historisch hinter sich gelassen und als Schreckensbilder dem Kino überantwortet hat, bemerkt der Rezensent. Hoch rechnet er es der Autorin an, dass es ihr im steten Bemühen um ein tiefergehendes Verständnis der geschilderten Situationen gelingt, die Symptome der Globalisierung "im Konkreten etwas genauer zu erzählen" als dies das übliche politische Begriffsinstrumentarium vermag.

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