Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Deutschland, 1941. Auf einem Fliegerhorst in Brandenburg geht Alfredo Guzman seiner Arbeit nach - als Gynäkologe im Dienst des Führers. Wie es dazu gekommen ist, erstaunt ihn, sobald er darüber nachdenkt. Eines Tages wird hoher Besuch erwartet: Fliegerheld Ernst Udet hat sich angesagt. Auf dem Empfang zu seinen Ehren bringt sich Guzman in Turbulenzen, die ihn zur Flucht zwingen, gleich am nächsten Morgen. Nur: wohin? Überraschenderweise hilft ihm Udet, nach Venezuela zu entkommen, von wo Guzmans Vater stammte.
So wird die Flucht vor dem Deutschen Reich zugleich zur Suche nach einer Vergangenheit, die hinter dem Schleier von Familienlegenden liegt. Es stellen sich dem Ich-Erzähler, der von seinem Vater und dessen Vater erzählt, entscheidende Fragen: Was tun in einer Zeit, die Haltung verlangt, wenn man wenig hat, dafür aber Sehnsucht und die Begabung, ganz im Augenblick aufzugehen? Was geschieht, wenn man sich der Welt nicht mit Prinzipien nähert, sondern sich einfach überwältigen, davontreiben lässt?
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.04.2006
Kristina Maidt-Zinke preist dieses als "kleinen Roman" publizierte Buch als "Epos von beträchtlichen Dimensionen" und ist trotzdem erfreut, dass ihr der Riesenwälzer, den Jochen Jung aus der Geschichte hätte machen können, "erspart geblieben" ist. "Venezuela" ist ein "kurioser, komischer und kluger" Roman, der "fast schwerelos" Erfindung mit historischer Wahrheit mischt, schwärmt die Rezensentin. Der Vater des Erzählers, ein Gynäkologe mit venezuelanischen Vorfahren, der als Stabsarzt eines Fliegerhorsts der Wehrmacht arbeitet, desertiert wegen eines aufgeflogenen Verhältnisses zu einer Offiziers-Ehefrau nach Venezuela und trifft dort auf seinen verschollen geglaubten Vater. Dieser versucht in der "realhistorischen" Colonia Tovar seine rassistischen "Wahnvorstellungen von der Reinerhaltung deutschen Blutes" durchzusetzen, erklärt die Rezensentin. Dem "kleinen Roman" fehle es wahrhaftig an nichts, schwärmt sie, obwohl so manches, wie beispielsweise ein Brief des Gynäkologen an den Vater, nicht ausformuliert wird. "Elegant und schwungvoll" führe Jung seine Leser durch Zeiten und Orte und "ein paar menschliche Abgründe", jubelt Maidt-Zinke.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.03.2006
Der Stoff des nur 128 Seiten zählenden Romans "Venezuela" von Jochen Jung hätte leicht für ein dreimal so dickes Buch gereicht, meint Karin Ceballos Betancur, die es umso bemerkenswerter findet, dass es dem Autor gelungen ist "so viel Anregendes" in dem schmalen Buch unterzubringen. Der Vater des Ich-Erzählers, ein Gynäkologe im Dienst der Nazis, muss 1941 wegen einer Affäre mit der Frau eines Generals fliehen und wählt Venezuela als Exil. Betancur bewundert vor allem die dargestellte "Symmetrie" zwischen Nazideutschland und dem vom patriarchalen Großvater beherrschten venezolanischen Ort. Für "plausible Irrungen und Wirrungen" ist in diesem schmalen Roman kein Platz, was die Rezensentin auch völlig in Ordnung findet. Denn für sie stellt sich "Venezuela" vor allem als "Gleichnis" dar, in dem eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung und die "Suche nach Identität" abgehandelt wird.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.01.2006
Bestrickt ist der Rezensent Paul Jandl von diesem Werk des österreichischen Verlegers und Autors Jochen Jung. Auf kaum mehr als hundert Seiten entfalte der Autor hier keineswegs, wie der Untertitel bescheiden verkündet, einen "kleinen Roman", sondern vielmehr einen "großen im Taschenformat". Es geht auch um große Geschichte, wenngleich wiederum fein ziseliert. Der Held des Buchs ist Alfredo Guzman, dessen Vater, das sagt der erste Satz, ein Nazi war. In "kunstvoll ornamentalen Sätzen" berichtet der Sohn vom Vater und seiner Suche nach ihm. Diese Suche führt ihn nach Venezuela, auch in eine merkwürdige, aber real existierende "Schwarzwald-Enklave". Den Verstrickungen der Geschichte, amouröse sind auch darunter, ist der Rezensent ganz offenkundig willig gefolgt. Große Bewunderung hegt er für die Sprache Jungs, dem hier, so Jandl, eine "Ideologiekritik des deutschen Wesens" gelungen sei - und ein "furioser Reiseroman" noch dazu.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.12.2005
Jochen Jung ist "unter den Minimalisten Großmeister", schreibt Rezensent Markus Clauer. Hier erzählt er auf 127 Seiten eine "Mein-Vater-war-ein-Nazi-Story", für die andere viele hundert Seiten brauchen. Clauer findet das ganz hinreißend. Worum geht's? Alfredo Guzman hat als Gynäkologe unter den Nazis Karriere gemacht. Er selbst ist "Nazi aus Desinteresse, in Treue fest steht er aber nur zu sich", erzählt Clauer. Nach einer Affäre mit der Frau eines Generals flieht er nach Venezuela - mit Hilfe von Ernst Udet! - wo er seinen Vater wiedertrifft. Der ist nun ganz das Gegenteil des Sohns: prinzipienfest und "ein Rassist durch und durch". Für Clauer ein "pointenseliges, schwungvoll erzähltes Buch".
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