Bücherschau der Woche
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Klappentext
Die Rolle der Historiker im Nationalsozialismus ist Gegenstand heftiger Diskussionen. Ingo Haar untersucht das personelle und institutionelle Netzwerk der "Volksgeschichte", einer einflussreichen Richtung der deutschen Geschichtswissenschaft, und ihre Verflechtung mit staatlichen Instanzen und politischen Kreisen. Im Mittelpunkt steht die "Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft", ein großer Forschungsverbund, in dem Staat, Partei und Wissenschaft eng miteinander verflochten waren. Die "Volksgeschichte" suchte bewusst die Nähe zu einer Bevölkerungspolitik, die die "völkische" und "rassische" Neuordnung Europas anstrebte und in Völkermord und Vernichtungskrieg mündete. Gerade auch Historiker der jüngeren Generation stellten sich in den Dienst der NS-Diktatur. Ingo Haar analysiert diese Entwicklung erstmals im Zusammenhang, beschreibt die institutionellen und ideologischen Grundlagen der "Volksgeschichte" und untersucht deren Rolle im "Volkstumskampf".
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.05.2001
Christoph Jahr weist darauf hin, dass diese Studie bereits vor Erscheinen "für erhebliches Aufsehen gesorgt" hat. Denn Haar hat, so der Rezensent, mit großer "Detailtreue und Quellenfülle" aufgezeigt, was lange Zeit für abwegig galt, nämlich dass es im Dritten Reich durchaus Vorstellungen von historischer Wissenschaft gab, und dass diese - vor allem in der Form der 'Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften' - nach festen Richtlinien arbeitete. Was die Frage betrifft, ob die Historikerzunft für den Völkermord an den Juden mitverantwortlich war, so diagnostiziert Jahr beim Autor eine "eher vorsichtig verneinende Antwort", da die Historiker an den entsprechenden Entscheidungen nicht direkt beteiligt waren, wohl aber "Begleitforschung" betrieben haben. Insgesamt ist der Rezensent der Ansicht, dass niemand, der sich mit Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus in Zukunft beschäftigen will, um Haars Studie herumkommt, auch wenn Jahr auch an einigen wenigen Punkten Kritik anbringt. So vermisst er beispielsweise eine deutliche Klärung der Begriffe 'Rasse' und 'Volkstum' und einen Blick auf zahlreiche andere Forschungsorganisationen als die 'Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften'.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2000
Vor allem die Einzelergebnisse dieses Buches findet Rezensent Christof Klessmann beeindruckend. Das Buch im Ganzen bewertet er als einen "grundlegenden" Beitrag zum Thema, auch wenn er mehr knappe Zusammenfassung und Zuspitzung gewünscht hätte. Der Leser verliere sich leicht im Wust der Details. Die Spuren berüchtigter Hauptverteter der sogenannten Ostforscher zeichnet der Rezensent noch einmal bis in die Nachkriegszeit hinein nach, sichtlich schockiert über die "ungebrochenen personellen Kontinuitätslinien". Interessant auch Klessmanns Zusammenfassung von Haars Darstellung der Entwicklung der Volksgeschichte. Sie sei nach dem Schock über die in Versaille vereinbarten Grenzen entstanden, um sich abzusetzen von der vorherrschenden Tradition des "auf politische Geschichte fixierten Historismus".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.11.2000
Karl-Heinz Roth behandelt die Studie des Nachwuchshistorikers Ingo Haar, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Gründerväter der bundesdeutschen Geschichtswissenschaften befasst, mit größtem Respekt, ja mit Begeisterung. Wie kam es, fragt Roth, dass Historiker wie Theodor Schieder, Werner Conze und Hans Rothfels sich für die rassistische Bevölkerungspolitik der Nazis instrumentalisieren ließen - wissentlich und wissenschaftlich? Da stand zu Anfang die akademische Männerbündelei, die der Konservativen Revolution ideologisch verbunden war, berichtet Roth, es folgte die Hinwendung zur Volkstumsforschung - als akademischer Variante zur Gewinnung von Lebensraum im Osten. Man erstellte, fälschte, publizierte Statistiken, so lautet Roths trauriger Befund, die der "ethnischen Flurbereinigung" durch die Nazis vorarbeiteten. Das ganze erhielt den wissenschaftlichen Segen im Habilitationsgewand - und Schieder einen Lehrstuhl in Königsberg, so Roth. Einzig mit den Rückschlüssen, die Haar aus seiner Studie zieht, ist der Rezensent nicht einverstanden: so sei es "nur die halbe Wahrheit", dass die Historische Sozialwissenschaft der 70er Jahre bei Emigranten wie Rosenberg, Hintze oder Kehr angeknüpft habe; die andere Hälfte verdanke sich der Typenlehre eines Schieder und Conze, die ihre Begrifflichkeiten in den 50er Jahren einer mäßigenden Wandlung unterzogen hätten.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.09.2000
Recht kritisch geht Manfred Hettling mit der Untersuchung Haars über die "Volksgeschichtler" um, also jene Historiker, die sich mit der auch theoretischen Rechtfertigung der Konstruktion eines "Volkes" nach 1918 beschäftigt haben. Dabei lobt Hettling uneingeschränkt, dass eine solche Studie überhaupt - und dann auch noch in Bezug auf die östlichen Gebiete - vorgelegt wurde; er lobt ihren Material- und Detailreichtum, den Nachweis, wie eifrig man ab 1939 die eigenen Karteikästen zum Nachweis deutscher Volkszugehörigkeit von Menschen im besetzten Osten dem SD beispielsweise zur Verfügung stellte. Jedoch meint Hettling auch, dass man über sie wird streiten müssen: besonders gefehlt hat ihm der europäische Vergleich. Eine radikal "völkische" Geschichtswissenschaft, so der Rezensent, hat es auch anderswo gegeben, einen Völkermord nur hier. Die schuldhafte Verstrickung der "Volkshistoriker" scheint dem Rezensenten nicht größer oder kleiner als die anderer Historiker im Nationalsozialismus.
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