Bücherschau der Woche

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Hermann Lübbe

Ich entschuldige mich

Das neue politische Bußritual

Cover: Ich entschuldige mich

Siedler Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783886807161
Gebunden, 144 Seiten, 15,29 EUR

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Klappentext

Willy Brandts Kniefall 1970 vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos ist unvergessen. Die symbolische Geste der Buße beeindruckte in ihrer Eindringlichkeit die ganze Welt. Sie bleibt ohne Vergleich, markiert aber den Beginn einer jungen Tradition öffentlicher Bitten um Entschuldigung: Bill Clinton gesteht vor der Community of Kisowera School ein, dass Amerika auf unrechtmäßige Weise vom Sklavenhandel früherer Tage profitiert habe. Johannes Rau leistet vor der Knesset in Jerusalem Abbitte für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Der Papst nimmt das Heilige Jahr zum Anlass, für die Sünden der Kirche während der Kreuzzüge und der Inquisition um Vergebung zu bitten. Hermann Lübbe beschreibt und deutet die Gepflogenheit führender Politiker, die Geschichte gewordenen Untaten der eigenen Nation vor den Nachkommen der Opfer öffentlich zu bekennen - eine Praxis, die sich weltweit zu etablieren beginnt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.02.2001

In diesem Essay wird das "neue politische Bußritual" des Entschuldigens unter die Lupe genommen. Ein durchaus angebrachtes Unterfangen, meint Uwe Justus Wenzel und warnt zugleich diejenigen vor dem Buch, "die `das Politische` von jeglichem moralischen Element freihalten wollen": Der Autor nämlich weise nicht nur auf die Unvermeidlichkeit der neuen moralpolitischen Praktiken hin, er erkenne ihnen überdies eine gewisse Nützlichkeit zu. Wenzel deutet die Ausführungen des Autors als einen Aufruf zum tieferen Verständnis der angesprochenen Praktiken, um ihre friedensstiftende Wirkung zu entfalten und zu begreifen, dass "zivilreligiöse Rituale" dort für Neutralisierung und Entlastung sorgen können, wo "moralische Gesinnung" die sozialen Beziehungen ideologisch zu belasten droht.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.02.2001

Abbitte leisten für Taten, die man nicht selbst, aber die Vorfahren begangen haben - etwa die Judenverfolgung oder den Sklavenhandel - mit dieser neuen Form des Bußrituals hat sich Hermann Lübbe in seinem Essay auseinandergesetzt, berichtet Hilal Sezgin. Und zwar "sehr vorsichtig", meint die Rezensentin. Weder stelle sich der Autor mit seinen Betrachtungen über Schuldverjährung und -relativierung zwischen die ideologischen Fronten noch betreibe er Geschichtsrevisionismus. Doch genau darüber ist Sezgin verärgert. Die Positionen des Autors, die nur selten "zum Grübeln reizen", sind aalglatt, findet sie. Besonders in der Sprache: ein undefinierbarer Tonfall, umständliche Substantivierungen, komplizierte Sätze, die der Übersetzung bedürfen. Und letztlich, nämlich im Schlusswort, vertritt der Autor dann doch eine Ansicht, die die Rezensentin überhaupt nicht teilen will. Eine Erinnerungspflicht lässt sich nicht zeitlich - etwa über Schutzfristenabläufe und staatliche oder ins titutionelle Vergänglichkeiten - begrenzen, meint Sezgin. Die Notwendigkeit für eine Entschuldigung besteht so lange, wie das Opfer den Anderen mit dem zugefügten Leid verbindet, denkt die Rezensentin.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.02.2001

Gunter Hofmann macht aus seiner Empörung über dieses Buch keinen Hehl: "Vorgestrig" nennt er die Überlegungen Lübbes, die seiner Diagnose nach vor allem eine Verteidigung der Thesen Ernst Noltes (bezogen auf den "Historikerstreit") zum Ziel haben und die die intellektuelle Linke der mangelnden Selbstkritik und moralischen Überheblichkeit bezichtigen. Gleichzeitig vermisst der Rezensent an diesem Buch Substantielles. So hätte Hofmann gerne mehr darüber erfahren, inwiefern die öffentlichen Entschuldigungen von Politikern "historisch" sind oder auch "ob die ritualisierte Bußübung kontraproduktiv" ist. Doch darüber gebe der Band keine Auskunft. Für unabdingbar hätte Hofmann darüber hinaus einige Überlegungen zur "Wahrheitskommission in Südafrika" gehalten, doch auch hierüber erfahre der Leser nichts. Am schlimmsten jedoch findet der Rezensent offenbar, dass Lübbe bei seinen Erwähnungen Ernst Noltes an keiner Stelle erwähnt, welche Thesen dieser über die Judenvernichtung angestellt hat bzw. welche Texte Nolte außerdem verfasst hat, "mit denen er sich aus der seriösen Zunft herauskatapultierte".

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Hermann Lübbe

Hermann Lübbe, 1926 in Aurich/Ostfriesland geboren, ist Professor für Philosophie und Politische Theorie an der Universität Zürich. Von 1966 bis 1970 war er Staatssekretär, zunächst im Kultusministerium, dann beim Ministerpräsidenten ... mehr lesen

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