Bücherschau der Woche
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Klappentext
Lauf Jäger lauf - so schrecklich-schön wie das Kinderlied ist auch der Roman von Henning Ahrens. Oskar Zorrow, unterwegs im ICE, erblickt aus dem Zugfenster einen Fuchs. Einem plötzlichen Impuls folgend, zieht er die Notbremse, um dem Tier hinterherzulaufen. Doch er wird selbst zum Gejagten und gerät in die Fänge einer Schar von Menschen, die sich "die Widergänger" nennen und auf einem Gutshof in der Nähe eines geheimnisumwitterten Nebellandes leben. An Flucht ist nicht zu denken, denn nur John Schmutz, der Kopf der Widergänger, vermag den Nebel, der alle Erinnerung auslöscht, zu durchqueren. Oskar Zorrow ist zum Ausharren gezwungen...
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2002
Vieles an diesem Roman ist "sonderbar", befindet der Rezensent Martin Krumbholz, manches auch eher ärgerlich. So etwa die hochfahrende Selbstrezension am Ende des Buches, wenngleich Krumbholz gewiss nicht bestreiten will, dass der Roman im "Hinterland" der "Wirklichkeit" spielt und der Anspielungen an halb vergessene Autoren - wie Ernst Kreuder oder Eduard Mörike - voll ist. Alles schön und gut, scheint der Rezensent zu denken, aber wichtig ist dann doch was auf dem Platz geboten wird, und da hat er einiges zu bemängeln. Die Sprache ist gewiss nicht dahergelaufen, aber das Gegenteil macht auch nicht unbedingt glücklich; Krumbholz findet sie oft "recht gesucht originell", das Buch als ganzes erscheint im als "quicker Recyclingapparat". Und auf die eine entscheidende Frage findet der Rezensent bis zum Ende keine Antwort: "Wozu?"
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.07.2002
Der Titel dieses Romanerstlings des 1964 in der Nähe von Hannover geborenen Autors Henning Ahrens klingt erst einmal nach Natur. Doch darum geht es in diesem Roman nur hintergründig, berichtet Susanne Messmer. Vordergründig handle das Buch von einer missratenen Flucht oder von einem, "der auszog, das Fürchten zu lernen und dabei im Nichts aufläuft", so die Rezensentin. Die wird noch etwas konkreter und verrät über den Inhalt, dass hier ein Held durch die Wildnis irrt und auf eine Gruppe von Aussteigern trifft, die ihn fortan mit in ihr "Nebelland" nehmen. Im Ganzen geht es, denkt Messmer, um "Weltflucht", die Ahrens Figuren in der Natur suchen, sich aber dabei ständig an "lästigen Brennnesseln und Brombeeren" die Waden schürfen, stellt die Rezensentin leicht belustigt fest.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.05.2002
"Staunenswert" gelungen ist dieser Erstlingsroman des Lyrikers Henning Ahrens nach Meinung des Rezensenten Christoph Schröder - und das, obwohl eine Menge hätte schief gehen können. Zum Beispiel, dass die Geschichte "als selbstreferentielle Feier des Rückzugs in die Weltabgewandtheit aus dem Ruder" hätte laufen können. Aber statt dessen ist ein Roman herausgekommen, bei dem alles stimmt: Trotz der in vagen Andeutungen verharrenden Geschichte schaffe der Autor "eine Atmosphäre der Bedrohung". Das liegt für den enthusisastischen Rezensenten vor allem an der Erzählweise Ahrens': "Die durchrhythmisierte, archaisierende Sprache sitzt an diesem Roman wie ein gut geschnittener Anzug", lobt er begeistert.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002
Die entscheidende Frage: Ist dieser Autor "noch bei Trost"? Der Rezensent Jochen Jung gibt sofort zu, dass sie sich unabweisbar stellt, er beantwortet sie aber mit aller Entschiedenheit so: "Was für ein großartiges, lächerliches, eigensinniges und vollkommen verrücktes Buch!" Es geht in diesem Buch um: einen Zorrow, von Beruf "Tierkadaverbeseitiger", der aus dem ICE steigt, um einen Fuchs zu jagen und dann versehentlich gekidnappt wird. Jung fühlt sich von all dem, aufgrund des unzusammenhängenden Hin und Her, an Barockromane erinnert - oder an John Cowper Powys, und zwar aufs Angenehmste. Einzig die letzte Seite, eine Art Nachwort, in dem Ahrens auf die Machart seines Buchs verweist und sich dafür preist, dass er jede Menge Zitate darin untergebracht hat, die hat Jung gar nicht gefallen. Das, da wird er sehr streng, wollte er überhaupt nicht wissen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2002
Stephan Maus ist begeistert von diesem "außerordentliche originellen" Debütroman des eigentlich als Lyriker bekannten Autors. Das Buch, in dem die Hauptfigur aus dem ICE heraus in skurrile und poetisch anmutende Traumwelten 'aussteigt', um in einer seltsamen "Logenbruderschaft" zu landen, überzeugt ihn stilistisch durch seinen "lyrischen" Rhythmus. Maus preist die "bannende Kraft" dieser Prosa, die Motive aus der Schauerromantik, aus dem Märchen und dem Volkslieds verwendet. Nirgends hat er "schrille Albernheit" gefunden. Die besondere "Modernität" des Romans sieht der Rezensent vor allem in der "Erzähltechnik" des Autors. Faszinierend findet er auch, dass alle angeschlagenen Motive und Handlungsstränge im Verlauf des Buches ihre Entwicklung erfahren. Dass Ahrens dabei allen "literarischen Moden"entsagt, sichert ihm vollends die Sympathie des Rezensenten.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2002
Eine Reise ins "Hinterland der Wirklichkeit" hat ein atemloser Richard Kämmerlings hier lesend verfolgen können. In diesem "famosen Erzähldebüt" nämlich sieht der Rezensent Protagonist Zorrow einen ICE-Zug auf offener Strecke verlassen, und an einen Ort "außerhalb der Zeit" entführt werden. Die Entführer-Gang entpuppt sich für Kämmerlings bald als eine Art "Künstlerboheme, eine Mischung aus Georgekreis, Hausbesetzerkommune und Literaturstipendiatenrunde". Ihren Sprachstil beschreibt der Rezensent, als "hätte die Berliner Russenmafia sich mit Grimms Märchen und des Knaben Wunderhorn" auf diesen Einsatz vorbereitet. Pate bei diesem Roman stand laut Kämmerlings "A Glastonbury Romance" von John Cowper Powy, über den Ahrens eine Dissertation geschrieben habe. Ahrens verfolge das Anliegen, lesen wir, "literarischen Konventionen zwischen Gangsterfilm und Gothic Novel zur Aufdeckung eines grassierenden Verlusts von Sprachbewusstsein und kultureller Tiefendimension" einzusetzen. Gelungenermaßen, wie man am Ton des begeisterten Rezensenten unschwer erkennen kann. Der sieht bei Ahrens selbst noch das "stille Örtchen" im ICE zum "Raum der Poesie" werden.
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