Bücherschau der Woche
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Die Fortschritte, die in den letzten Jahrzehnten in der Erforschung der Lebensumstände Kafkas gemacht worden sind, erlauben jetzt, die "ästhetische Differenz" zwischen autobiografischem Hintergrund und Fiktion genauer zu bestimmen. Da der Grundriss der Wohnung, in der die "Verwandlung" geschrieben wurde, aufgefunden werden konnte, lässt sich feststellen, an welchen Punkten Kafka bei der Darstellung des Schauplatzes von dem ihn umgebenden Ambiente abwich.
Binders Studie gliedert sich in 5 Teile: Das erste Kapitel ist der Entstehung der Erzählung gewidmet. Das zweite Kapitel behandelt die Druckgeschichte, die sich aufgrund zweier an Kafka gerichteter Briefe Robert Musils anders und mehrschrittig darstellt. Das dritte Kapitel stellt den Schwerpunkt der Studie dar. Die "Verwandlung" ist die einzige in Kapitel unterteilte Erzählung in der Er-Form, die vollendet und von Kafka selbst veröffentlicht wurde. Sie verkörpert die Erzählweise, die er im "Verschollenen" und im "Process" zu verwirklichen suchte, und erlaubt deswegen wie kein anderer Text, Kafkas Ästhetik und Erzählprinzipien an einem vollendeten und von ihm selbst autorisierten Erzählwerk zu studieren. Das vierte Kapitel gilt dem Gehalt der Dichtung. Das fünfte Kapitel behandelt die vielfältige Rezeptionsgeschichte und die Wirkung der "Verwandlung" auf das Werk anderer Schriftsteller.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2005
Hartmut Binder betreibt mit seiner Studie über Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" so etwas wie "Kalenderphilologie" meint Hannelore Schlaffer, die sich zwar mit der Methode nicht recht anfreunden, ihr aber dennoch gute Seiten abgewinnen kann. Das Buch ist eine "Kampfansage an die Sinnsucher", die Kafkas Text für ihre jeweilige Interpretation vereinnahmen wollen, stellt die Rezensentin fest, die aber findet, dass sich Binders "fanatischer Biografismus", der alle Textstellen der "Verwandlung" mit von Kafka in Briefen und Tagebuchnotizen festgehaltenen lebensgeschichtlichen Details begründet, davon letztlich nicht unterscheidet. Insbesondere im ersten Teil seiner Studie würden die Leser mit lebensgeschichtlichen Daten überschüttet, die die Einfälle und Rätsel der Erzählung aus Erlebnissen aus Kafkas Leben zu erklären versuchten, so Schlaffer, die findet, dass diese Informationen wenig zum "Reiz der Lektüre" von Kafkas Geschichte beisteuern. Trotzdem entsteht hier so etwas wie eine "akribische Kafka-Biografie" lobt die Rezensentin, die darin gleichzeitig die "Autobiografie eines Forschers" entdeckt hat, weil das Buch mit seinen Vermutungen und Spekulationen die gesamte "Gedankenarbeit" Binders dokumentiert, wie sie angetan bemerkt, was normalerweise aus wissenschaftlichen Studien ausgespart bleibt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2005
"Eher Enttäuschung" gibt Rezensent Gerhard Neumann nach der Bewältigung der sechshundertundsechs großformatigen Seiten dieser Monografie zu Protokoll, trotz Überfülle authentischen Materials und scharfsinniger Satzanalysen. Denn es ist dem Rezensenten in dieser monumentalen Studie ihr Verfasser, der Germanist Hartmut Binder als Vormund des Dichters begegnet, weshalb der Rezensent diesen Versuch, "die Aporien der Methodenlandschaft der neueren Germanistik durch das Prinzip einer streng asketischen biografischen Methode zu überwinden", insgesamt für gescheitert hält. Zwar findet Neumann den Grundgedanken der Studie, nämlich "einen kardinalen Text der Weltliteratur allein von seiner Materialbasis wie von seiner Sprachgestalt her lückenlos und ohne hermeneutische Kunststücke" aufzuschließen, "zweifellos interessant". Am Ende ist für den Rezensenten durch den von Binder beschrittenen Weg der fast naturwissenschaftlichen Faktenorientierung jedoch eine eher beschränkte Sicht auf Autor und Text entstanden, die seiner faszinierenden Rätselhaftigkeit nicht gerecht geworden ist. Weiterer Kritikpunkt: "Es geht nicht an, vierzig Jahre Forschung einfach beiseite zu schieben." Das Buch enthält den Informationen des Rezensenten zufolge fünf große Kapitel, in denen Schritt für Schritt die Entstehungsgeschichte des Textes über Drucklegung bis zu seiner Wirkung auf andere Autoren nachvollzogen wird. Angesichts des darin praktizierten analytischen Verfahrens befällt den Rezensenten auf Grund der schulmeisterlichen Behandlung dieses großen Autors und seines Textes durch seinen Interpreten bald arge Befremdung: "Es ist fast so, als habe Kafka einen Kurs in "creative writing" absolviert und dem Literaturwissenschaftler sei es dann aufgegeben, Korrektur zu lesen und Verbesserungsvorschläge zu machen".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.11.2004
Gerade mal 70 Seiten umfasst Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", Hartmut Binders Forschungsarbeit kann mit 590 Seiten aufwarten, Rezensent Ulrich Greiner käme sogar auf umgerechnete tausend Seiten bei normalem Format. Tausend Seiten, auf denen jeder Satz aus der Erzählung hin- und hergedreht wird, jedes Detail begutachtet wird. Öffneten sich die Türen von Gregor Samsas Zimmer nach innen oder nach außen? "Wer will das lesen?", fragt Greiner rein rhetorisch. Denn er selbst weiß Binders "ebenso große wie befremdliche" Leistung durchaus zu würdigen. Wenn er selbst das Buch auch nicht von vorne bis hinten durchgelesen hat, wie er bekennt, so hat er doch sehr angeregt in ihm geblättert.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.09.2004
Auf 600 Seiten untersucht Hartmut Binder in philologischer Kleinarbeit die Entstehung, Druckgeschichte, Sprachgestalt, Erzählweise und Wirkung von Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". Da Binder auch den Herausgebern der Faksimile-Ausgabe im Stroemfeld-Verlag (Roland Reuss und Peter Staengle) bei ihrer Arbeit zur Seite gestanden hat, so Rezensent Andreas Kilcher, kann man Binders "monumentales" Buch durchaus als "Kommentarband" verstehen. Der Autor will es, anders als seine Vorgänger, vermeiden, "Die Verwandlung" lediglich zum Anlass zu nehmen, in literaturtheoretischen Präferenzen zu schwelgen, und beschränkt sich darum auf eine Deutung "unter Berücksichtigung der Lebensumstände und Überzeugungen Kafkas", so Kilcher. Wegen seines "stupenden historisch-biografisch-bibliografischen Detailwissens" hält der Rezensent das Werk zwar für ein "enzyklopädisches Handbuch" - allerdings ist es wohl eher was für Kafka-Philologen denn für interessierte Laien.
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