Die Vorarlberger Schriftstellerin Grete Gulbransson (1882 - 1934) lebte als zweite Frau Olaf Gulbranssons, des Malers und Mitarbeiters des "Simplicissimus", lange Zeit in München (1905 - 1927), wo sie Kontakte zu zahlreichen Künstlern und Schriftstellern der dortigen Kulturszene hatte. Neben literarischen Arbeiten und einer sehr umfangreichen Korrespondenz hinterließ sie 222 Tagebuchbände. Darin schildert sie auf über 90.000 handgeschriebenen Seiten die literarische, kulturelle und gesellschaftliche Situation Münchens, Vorarlbergs, Liechtensteins sowie des europäischen Raumes zwischen 1892 und 1933.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.08.2004
Gleich zu Beginn warnt Rezensent Hansjörg Graf davor, die voralbergische Schriftstellerin Grete Gulbransson in die Kategorie "volkhaftes" Schriftstellertum zu stecken. Denn Gulbranssons Tagebücher, deren vierter, "aufwendig gestalteter und erschöpfend kommentierter" Band nun erschienen ist, zeugen für den Rezensenten von einer großen "Vielfalt von Ausdrucksformen" - vom "Pathos und Überschwang" bis zur "Ernüchterung und Selbstkritik" - und stellen den Versuch dar, "eine lückenlose Selbsterfahrung schriftlich zu fixieren", im Gleichgewicht von "maßloser Introspektion" und "präziser Beobachtung der Außenwelt". In dieser Selbsterforschung und Selbstentblößung sieht der Rezensent jedoch nur eine der "mindestens zwei Lesarten" der Tagebücher. Daneben sei "Geliebtes Liechtenstein" eine "vollmundige Dankadresse an das Fürstentum", das der von Armut bedrohten Schriftstellerin Obhut und Unterstützung gewährte.
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