Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Geoffrey Hartman

Das beredte Schweigen der Literatur

Über das Unbehagen an der Kultur

Cover: Das beredte Schweigen der Literatur

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN-10 3518411454
ISBN-13 9783518411452
Gebunden, 297 Seiten, 24,54 EUR

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Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Frank Jakubzik. Geoffrey Hartman untersucht die vielschichtigen Bedeutungen und Verwendungen des Begriffs Kultur in Zeiten, da beliebige Lebensstile zu Kulturäußerungen erhoben, Poesie und Pornographie auf dieselbe Weise "gelesen" und ? global wie lokal ? sogenannte "Kulturkriege" geführt werden. Wir kranken an dem Gefühl der eigenen Unwirklichkeit und benötigen daher Beweise für unsere Existenz. Kultur verspricht, die Selbstentfremdung und den Verlust an Gemeinschaftlichkeit zu überwinden, aber dieses Versprechen, so Hartman, birgt enorme Gefahren: Ob das ältere Ideal einer universellen Kultur oder den Multikulturalismus ? er unterzieht beide Konzepte einer profunden Kritik und definiert Kultur demgegenüber als eine kontinuierliche gesellschaftliche Debatte, wobei der Literatur eine entscheidende Rolle in diesem offen geführten Diskurs zukommt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.08.2000

Odila Triebel lobt den emeritierten Literaturwissenschaftler für seine Fähigkeit, literaturtheoretische Erkenntnisweisen sinnvoll zu verbinden und stellt lobend fest, nach der Lektüre des Buches wisse man "mehr als zuvor". Der Autor lege überzeugend dar, dass der zeitgenössische Begriff der Kultur vor allem dazu benutzt werde, sich "kollektiv von anderen zu unterscheiden" und werfe die Frage auf, wie ein anderer, "politisch tragfähiger" Kulturbegriff zu formulieren wäre. Dabei traue er besonders der Literatur zu, "Missverhältnisse zu artikulieren", auch wenn sie an den existierenden Mängeln der Verhältnisse nichts ändern könne. An diesem Vertrauen findet Triebel nichts auszusetzen.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.07.2000

In einem ausgreifenden Essay über eine "Rückkehr der Kulturkritik" bespricht Ludger Heidbrink dieses Buch zusammen mit Andreas Reckwitz` "Die Transformation der Kulturtheorien" (Verlag Velbrück Wissenschaft) und Dirk Baeckers "Wozu Kultur?" (Kulturverlag Kadmos). Heidbrink konstatiert dabei zunächst, dass die moderne Form der Kulturtheorie und -kritik nichts mehr mit ihren Vorläufern zur Weimarer Zeit zu tun habe, die sich meist auf den Protest gegen die technische Zivilisation beschränkten.
1) Geoffrey Hartman: "Das beredte Schweigen in der Literatur"
Für Heidbrink scheint Hartman unter den drei besprochenen Autoren am ehesten noch ein Nostalgiker eines älteren, humanistisch geprägten Kulturbegriffs zu sein. Der Rezensent legt dar, wie Hartman, mit Dichtern wie Shelley und Keats im Gepäck, vor allem gegen "differenztrunkene Multikulturalisten" angeht, die aggressiv und selbstbesessen nur noch ihren Platz in den modernen Gesellschaften verteidigen wollen. Dagegen halte Hartman an einem Kulturbegriff fest, der es erlaube, sich dem Fremden anzunähern, ohne es gleich absolut zu setzen oder es zu leugnen. Dabei bleibe Hartman aber genau so weit entfernt von einem reaktionären Kulturbegriff, der in der einen oder anderen Weise auf "völkische" Verwurzelungen zurückgreifen wolle. "Vage und diffus" bleibt Hartman nach Heidbrink allerdings immer, wenn er auf die durchaus empfundene und formulierte Gefahr eingeht, dass sein Kulturbegriff utopisch sein könnte.
2) Andreas Reckwitz: "Die Transformation der Kulturtheorien"
Wesentlich pragmatischer scheint da Reckwitz mit dem Kulturbegriff umzugehen: er scheint ihn nach Heidbrink vor allem als einen Gewinn für die soziologische Forschung und Methoden anzusehen. Wenn man Heidbrinks Referat richtig versteht, so scheint für Reckwitz der Kulturbegriff die Beschreibung von gesellschaftlichen Differenzen und Bezugssystemen zu ermöglichen, die bei universalitischen Ansätzen untergehen würden. Etwas genervt äußert sich Heidbrink aber über Reckwitz` "immensen" theoretischen Aufwand - von Alfred Schütz bis Pierre Bourdieu - angesichts dessen die Resultate am Ende etwas dürftig blieben.
3) Dirk Baecker: "Wozu Kultur?"
Hier weist Heidbrink zunächst darauf hin, dass Baecker aus Niklas Luhmanns Systemtheorie kommt, die er mit Hilfe des Kulturbegriffs auch überwinden zu wollen scheint. Zwar sehe Baecker die "Kultur" wie Luhmann als einen "Begriff zweiter Ordnung" an, aber sie gebe - anders als "Politik" oder "Wirtschaft" - "Hinweise auf die Alternative des Systems zu sich selbst". Auch für Baecker, so Heidbrink, zeige die Kultur also "das Ungenügen der existierenden Ordnungen" an sich selbst an und liefere Hinweise auf ihre Überwindung.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2000

Heinz Schlaffer weist in seiner sehr wohlwollenden Kritik zunächst darauf hin, dass das Buch im amerikanischen Original einen wesentlich pathetischeren Titel trägt: "The Fateful Question of Culture". Hier zeige sich, dass der amerikanische Kulturbegriff wesentlich aufgeladener sei als der deutsche: In Deutschland verbinde sich mit dem Wort nur noch die Vorstellung von angenehmen Zeitvertreib, in den USA, wo die "Cultural Studies" den Minderheitskulturen das gleiche Recht wie der europäischen Kultur zuweisen, werde die Auseinandersetzung mit dem Begriff dagegen zu einer Schicksalsfrage. Hartman, der nach Schlaffer aus der Schule der literarischen "Dekonstruktivisten" kommt, die von den "Cultural Studies" entthront wurde, versuche hier die Notwendigkeit einer kulturellen Allgemeinverbindlichkeit und eines literarischen Kanons nachzuweisen. Allerdings findet Schlaffer Hartmans Argumentation hier nicht immer stringent. Dass Literatur nicht immer die von Hartman unterstellte aussöhnende Kraft habe, weise er selbst bei den deutschen Romantiker nach. Trotzdem mag Schlaffer das Buch wegen Hartmans vielfältiger Interpretationen etwa von Schiller, Thomas Mann oder des Kriminalromans.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.03.2000

Die Übersetzung des amerikanischen Originaltitels mit "Das beredte Schweigen der Literatur" findet Manfred Schneider irreführend, da es die "besorgte und alamierte Stimmung" die vom amerikanischen "The Fateful Questions Of Culture" ausgehe, verdecke. Denn, so gibt der Rezensent Hartmans Kernthese wieder, "die Inflation des Kulturbegriffes hat zu tun mit Ortlosigkeit und Traditionsverlust, die die Moderne dem Menschen auferlegt" und dem mitunter trügerischen Einheitsversprechen der Kultur. Der Rezensent bemüht sich, die Geschichte des Kulturbegriffes und seines Versprechens vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart sorgfältig nachzuzeichnen. Er weist aber darauf hin, dass dieses Buch auf die amerikanische Debatte ausgerichtet ist. Für den deutschen Leser sei es "nicht immer leicht, die vielen Implikationen zu erfassen". Ein Problem, das der deutsche Leser übrigens schon bei der Lektüre der Kritik hat. Trotzdem betrachtet Schneider das Buch als eine "Horizonterweiterung" auch für deutsche Debatten.

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