Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Erich Mühsam
Unpolitische Erinnerungen
Klappentext
Erich Mühsams "Unpolitische Erinnerungen", die als Feuilletonserie erstmalig 1927?1929 in der Berliner Vossischen Zeitung erschienen, sind ein Panorama des literarischen Lebens während der vorigen Jahrhundertwende. In Anspielung auf Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" handelt es sich hier um unpolitische Erinnerungen eines Politischen. Mühsam, selbst der "Prototyp des Caféhausliteraten", zeichnet ein Bild der Boheme als "Brutstätte" kultureller Innovation. Er führt den Leser in die Ballungszentren der Boheme nach Schwabing, Berlin, Wien, Paris und Ascona, in Kaffeehäuser und Kabaretts, in Kegelclubs und Ateliers; erzählt, wer mit wem verkehrte, wer zu welchem Kreis gehörte, wer an welchem Stammtisch saß, wer sich an welchen festlichen Veranstaltungen beteiligte und wer von wem vor die Tür gewiesen wurde oder diese erbost laut zuknallen ließ.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2001
Der Rezensent Thomas Rietzschel bedankt sich zuerst einmal bei den "kleinen Verlagen", die für eine Neuauflage von Mühsams Bücher zu haben seien. Die vorliegenden Texte wurden bereits Ende der zwanziger Jahre von dem damals 50-Jährigen geschrieben. Mühsam verkehrte in dieser Zeit in der Boheme und in den Anarchistenkreisen. Seine Schriften geben einen guten Einblick in diese Lebensform, meint Rietzschel. Doch wecke dieser Einblick nicht einfach voyeuristische Neugier, die mit Klischees bedient würde, sondern verdeutliche vielmehr den gesellschaftlichen Protest und Freiheitsdrang, der für diese Kreise charakteristisch war. Der Leser erfahre weniger über die Kindheit und Jugend von Mühsam in Lübeck, dafür aber um so mehr über 'das Verhalten künstlerischer Menschen im Wechselspiel ihrer Beziehungen zueinander und zu ihrer Zeit', zitiert Rietzschel den Autor.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2001
Heinz Hug lobt die Neuauflage des Buches, das Mühsam als Auftragsarbeit für die "Vossische Zeitung" verfasst hat, als "glänzend geschriebenes, vorurteils- und ideologiefreies Bild" seiner Zeit von 1900 bis zum ersten Weltkrieg. Ohne Intimes preiszugeben oder die Analyse einzelner Werke anzustreben, biete Mühsam einen interessanten Überblick über das Kulturleben und seine Protagonisten vor allem in Berlin und München, so der Rezensent begeistert. Dass es zusätzlich noch ein "exzellentes Nachwort" vom "ausgewiesenen Mühsam-Kenner" van den Berg gibt, freut den Rezensenten um so mehr.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.10.2000
Warum der bekennende Anarchist Mühsam seine Erinnerungen unpolitisch genannt hat, erläutert Rudolf Walther in seiner Rezension. Nachdem Mühsam von der Amnestie für den ebenfalls einsitzenden Adolf Hitler profitierte, erhielt er von der "Vossischen Zeitung" den Auftrag, seine Erinnerungen aufzuschreiben - mit der Auflage, sich aus der Tagespolitik herauszuhalten. Mühsam nahm dankend an, da er wie immer in Geldnöten war, und weil er außerdem, merkt Walther an, seine politische Arbeit für eh noch nicht abgeschlossen hielt. Doch so unpolitisch sind diese Aufzeichnungen gar nicht, die sich der Münchener und Berliner Bohème vor dem Ersten Weltkrieg widmen, so Walther, da Mühsam die Künstlerbohème als Opposition gegen den wilhelminischen Obrigkeitsstaat verstand. Sauf- und Klatschgeschichten liefere das Buch nicht, stattdessen liebevolle Portraits von Zeitgenossen wie Wedekind, Scheerbart, von Reventlow u.a. Mit zum Schönsten zählt für Walther das Kapitel über die Schwabinger Künstlerszene, die ihren Lebensmittelpunkt in Kneipen hatte, die Mühsam als "allgemeine Obdach und Wärmehalle ... für anhanglose Lebensführung" charakterisierte.
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