Bücherschau der Woche
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Klappentext
Nach 1918 geriet der deutsche Adel politisch ins Abseits. Gleichwohl blieb er sozial und kulturell eine einflußreiche Gruppe. Zum ersten Mal liegt eine Darstellung vor, die auf breiter Materialbasis den Weg einer Adelsfamilie im zwanzigsten Jahrhundert nachzeichnet. Am Beispiel von drei Familienzweigen der Grafen von Bernstorff beschreibt Eckart Conze Kontinuitäten und Brüche im politischen Selbstverständnis, dem Wirtschaftsleben und der privaten Lebensführung eines Adelsgeschlechts. Die Bernstorffs, 1237 auf dem Rittersitz Bernstorf in Mecklenburg seßhaft geworden, konfrontierte sie erstmals die junge Weimarer Republik mit dem Verlust ihrer jahrhundertelangen Herrschaftsstellung. Nach 1918 suchten sie, teilweise in Opposition zur Demokratie, nach Möglichkeiten, ihre Rechte und ihren Einfluß zumindest auf lokaler Ebene zu wahren. Die letzten Überreste adeliger Gutsherrschaft vernichtete schließlich der Nationalsozialismus. Nach 1945 ging das Bestreben, wirtschaftlich zu überleben, einher mit der fortdauernden Festigung der Familienzusammengehörigkeit, ein bis heute bedeutender Bestandteil adeliger Selbstbehauptung.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2000
Überwiegend positiv bespricht Jürgen Schmidt diesen Band, auch wenn er moniert, dass der Autor eine Beurteilung des Buchs schon selbst vorweggenommen hat mit seiner Behauptung, dass er hier `terra incognita` betreten habe. Damit hat er allerdings nicht ganz Unrecht, gibt Schmidt zu, denn schließlich habe sich bisher kaum ein Autor mit dem Adel im 20. Jahrhundert beschäftigt. Das Buch ist - wie der Leser erfährt - in drei Blöcke unterteilt, die sich an die Aspekte "Herrschaft, Wirtschaft und Kultur" anlehnen. Dies ist nach Schmidt Schwäche und Stärke des Buchs zugleich. Denn einerseits habe diese Gliederung dem Autor eine "bestechende analytische Tiefenschärfe" bei der Betrachtung seines Themas erlaubt und auch erleichtere diese Form dem Leser ein gezieltes Nachschlagen. Nachteil ist nach Schmidt Ansicht bei dieser Form der Darstellung jedoch, dass bestimmte Wiederholungen unvermeidbar werden. Letztlich zeigt sich Schmidt jedoch recht angetan von dem Band, der seiner Ansicht nach deutlich aufzeigt, wie sich der Adel und sein Einfluss im zwanzigsten Jahrhundert gewandelt haben.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.07.2000
Sehr gelobt wird diese Studie über die Adelsfamilie der Grafen von Bernsdorff im 20.Jahrhundert in einer ausführlichen Besprechung von Ulrich Schlie. Durch die Wahl einer Welfen-Familie ist der Autor der "Preußenfalle" entgangen, d.h. er befasst sich gerade nicht, wie so viele Historiker des Adels, mit dem ostelbischen Junkertum. Aber da die Familie von Bernstorff sowohl im Hannoverschen als auch im Mecklenburgischen zuhause ist bzw. war, kommt immerhin auch die Thematik der Bodenreform von 1945 in den Blick, die den deutschen Adel jenseits der Elbe in seinem Lebensnerv traf. Insgesamt geht es überhaupt um Bedeutungsverlust und den Umgang damit, schreibt Schlie. Für einen großen Teil des Buches hat Conze das Tagebuch des Grafen Andreas von Bernstorff (1868 - 1945) heranziehen können, um die Mentalität einer aristokratischen Familie in Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittem Reich nachzuzeichnen. Der Verluste des Adels in der Weimarer Republik und ein unzweideutiger Antisemitismus machte den weichenden Erben (zweitgeborenen Sohn) besonders anfällig für Hitler; gleichzeitig war ein anderer Spross des Clans jedoch Mitverschwörer des 20.Juli. Conze "spürt die Bedeutung auf, die die Erinnerung an den von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer Andreas von Bernstorff für die Bernstorffsche Familiengeschichte hatte." In der Diskussion der Bodenreform, die einen Teil der Familie traf, vermisst Ulrich Schlie allerdings einen Blick auf die wiedereröffnete Diskussion nach 1989.
Insgesamt ist die Studie, so der Rezensent, gekennzeichnet durch "klare didaktische Präsentation", einen "dichten Stil", "souveräne Quellenbeherrschung" und die "Fähigkeit zur Abstraktion". Unzweifelhaft hat Conze mit dieser ursprünglich als Habilitationsschrift in Tübingen vorgelegten Arbeit neue Maßstäbe für die Adelsforschung gesetzt, urteilt Ulrich Schlie.
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