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Klappentext
Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Simon Mihailovic, Arzt in Berlin, verheiratet mit einer Journalistin, die er 1968 auf einer Demonstration kennengelernt hat, kehrt nach einem Vierteljahrhundert in seine Heimatstadt Foca zurück. Es ist Ende August 1991, Gewalt, Angst, Fanatismus, nationalistischer Wahn vergiften die Atmosphäre. Kurz nach seiner Ankunft wird eine frühere Mitschülerin, in die er verliebt war, bestialisch ermordet: Zuhra Cengic, Mitglied einer alten bosnischen Familie. Drei weitere Menschen, die ihm nahestanden, werden auf ungeklärte Weise umgebracht. Der Verdacht fällt auf Simon, den Fremden aus dem Westen.
Eines Abends steht Enver Pilav vor der Tür, sein lange verschollener bester Freund, ein Sufi-Mönch. Etwas stimmt nicht mit ihm. In den Tagen und Nächten, die sie träumend und diskutierend miteinander verbringen, geschieht eine Verwandlung: Je tiefer Simon in sich selbst hineingeht, desto mehr vermag er sich einer anderen Welt zu öffnen. Bis er mit Enver in den Barzakh, das unterirdische Zwischenreich, wo sich die Seelen der seit Jahrhunderten Ermordeten versammeln, hinabsteigt, um die große Kette der Gewalt zu durchtrennen.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.07.2006
Ist für Tobias Heyl auch der historische Roman grundsätzlich kein sehr glückliches Genre und kein Ersatz für propere Geschichtsschreibung, so bestätigt dieser Roman, der in Bosnien kurz vor Ausbruch des Krieges spielt, als glorreiche Ausnahme die Regel. Der bosnische Autor Dzevad Karahasan beschreibt darin die Rückkehr eines Arztes aus Deutschland in seinen Heimatort Foca. Grandios und literarisch überzeugend schildere er die Atmosphäre von allgemeinem Misstrauen und Angst, die schließlich zur Eskalation der Gewalt führe, so der Rezensent überwältigt. Allerdings wechsele die ungemein realistische unversehens auf eine mystische Erzählebene, wenn der Protagonist mit einem Jugendfreund in Gesprächen und Träumen ins Totenreich hinabsteigt. Dem hier drohenden Auseinanderfallen des Romans begegnet der Autor allerdings mit einer "bitterbösen" Wendung, die das Geschehen wieder in die Wirklichkeit zurückholt, und das auch dafür sorgt, dass die Verquickung von historischen Gegebenheiten und machtvollen "Mythen und Ängsten" einer Gesellschaft sichtbar gemacht werden, wie Heyl zutiefst beeindruckt resümiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2006
Auf grandiose Weise mache der Autor seine moralische Weltsicht literarisch fruchtbar, bemerkt Rezensentin Judith Leister voller Ehrfurcht. Der Leser sei nämlich der vielschichtigen Wirklichkeit im Bosnien des Jahres 1991 genauso hilflos ausgeliefert wie der Held des Romans Simon. Aus Sicht der Rezensentin entspricht solche erzwungene Mündigkeit des Lesers einer aufklärerischen Haltung des Autors. Doch sei auch diese keineswegs frei von Humor und mache die wohl nicht einfache Lektüre zu einem großen Vergnügen. In einer ersten, realistisch erzählten Phase, referiert die Rezensentin, werde Simon von seinen serbischen Freunden kurz vor den so genannten ethnischen Säuberungen dazu aufgefordert, auf ihrer Seite mitzumachen. Im Elternhaus, in das sich Simon daraufhin zurückziehe, nehme die Handlung dann hyperrealistische kafkaeske Züge an, und Simon begegne nicht nur seinem Doppelgänger, sondern auch den Seelen der Ermordeten. Dzevad Karahasans Roman, bündelt die Rezensentin ihr umfassendes Lob, sei alles zusammen, ein Schauerroman, ein Thriller, eine mal theologische mal kulturhistorische Abhandlung, und dann wieder Märchen oder "Heiligenlegende".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2006
Der Autor Dzevad Karahasan ist selbst gebürtiger Bosnier und lebt seit 1993 im deutschen beziehungsweise österreichischen Exil. Sein Buch handelt wiederum von einem Bosnier wie ihm, der nach 20 Jahren Aufenthalt in Deutschland in seine bosnische Heimatstadt zurückkehrt, am Vorabend des Krieges 1991, wo ihn ebenso die Wirklichkeit wie die Vergangenheit dieses an Opfer-, Märtyrer- und Gewaltgesten reichen Ortes einholen. Das Erstaunliche an diesem Buch ist, schreibt Rezensent Helmut Böttiger bewundernd, wie diese Wirklichkeit bei Karahasan "in einen anderen erzählerischen Raum übergeht". Von Anfang an herrsche ein fast märchenhafter Ton, der die Erzählung ab einem bestimmten Punkt ins Hyperrealistische überführe. Der Protagonist - von den Ortsansässigen als Fremder wahrgenommen - wird des Mordes an einer früheren muslimischen Freundin bezichtigt, seine Trip wird zum Höllentrip, der ihn auf eine Reise in sein Unbewusstes, aber auch in die Vorgeschichte seiner Familie, seiner Ortschaft führt, bei der sich Stimmen, Träume, Gedanken, Erlebtes und Vorgestelltes überlagern. Böttiger ist sehr beeindruckt, wie der Autor die bedrohliche Situation, die katastrophalen Erlebnisse seines Landes einfängt und zugleich "die unmittelbare Liebe zum Dasein" zum Klingen bringt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2006
Regelrecht begeistert zeigt sich Rezensent Andreas Breitenstein von Dzevad Karahasans Roman, und das nicht nur, weil er sich ständig in der Dramaturgie, in der Gattungsmischung sowie in den "Weltnachts-Metaphern" an Hans Lebert erinnert fühlt. Karahasans Protagonist ist der Bosnier Simon, der nach Jahren des Exils in Berlin 1991 in seine Heimatstadt Foca zurückkehrt, just in dem Moment also, in dem die ethnischen Spannungen kurz vor der erneuten Explosion stehen. Mit seiner Ankunft in Foca, so der Rezensent, beginnt für Simon ein "seltsamer Prozess der Entwirklichung": Bekannte geben vor, ihn nicht zu kennen und als vier seiner engsten Freunde ermordet werden, lenkt sich der Verdacht schließlich auf ihn, was zur Folge hat, dass er immer mehr "aus der Zeit herausfällt". Beeindruckend findet der Rezensent zum einen, wie Karahasan das "lichtvolle Miteinander unterschiedlichster Menschen" und zugleich "historisch präzis" die aufbrechende Grausamkeit zwischen genau diesen Menschen schildert. Zum anderen sprühe der Roman nur so vor "Witz und Gedankenreichtum". In "atemloser Spannung" habe er diesen "tief ins Mythologische eingesenkten exorzistischen Roman" und sein "abgründiges Panorama balkanischer Existenz" gelesen, berichtet der Rezensent und lobt schließlich die unglaubliche "Eleganz", mit der es Karahasan gelingt, eine derartige "Ideenfülle" zu verarbeiten.

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