Bücherschau der Woche
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Dirk Baecker
Wozu Kultur?
Klappentext
Der Kulturbegriff, als Streit, Stress-, oder Wie-auch-immer-Kultur in aller Munde, ist der Gegenstand dieses Buches. Dirk Baecker geht der Problematik des Kulturbegriffs nach, der, so Baecker darauf zielt, "den Blick für eine Gegenwart zu schärfen, die wir aus den Augen verloren haben, weil wir in der Vergangenheit jene Absicherung und in der Zukunft jene Möglichkeiten suchen, die uns die Gegenwart vorenthält. Damit jedoch haben wir uns das Heft aus der Hand nehmen lassen und der Gesellschaft eine Komplexität konzediert, die ohne die Temporalisierungsleistungen des modernen Zeitbegriffs nicht mehr zu bewältigen ist."
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2000
"Kultur hat Konjunktur", konstatiert der Feuilleton-Chef der FR, Harry Nutt, und dies nicht allein wegen der seit Wochen erhitzt geführten Debatte über die deutsche Leitkultur. Auch Dirk Baecker befasst sich in seinem Essay-Band mit dem Begriff , allerdings unter der provozierenden Fragestellung "Wozu Kultur?". Der Reiz der Essays, erklärt Nutt, entsteht durch die spürbare Lust des Autors, in Paradoxa zu denken. Als Schüler Luhmanns sei Baecker mit einer gehörigen Portion Skepsis und mit dem Wissen "um die Untiefen des Kulturbegriffs" ausgestattet. Luhmanns Systemtheorie stelle die Basis zu seinem Kulturverständnis dar. Der Vorbehalt des Lehrmeisters gegenüber dem Kulturbegriff besteht, so fasst Nutt Baeckers These zusammen, darin, "dass Kultur wie die Systemtheorie eine Vergleichstechnik ist, wobei jedoch unklar bleibt, worauf die Vergleiche der Kultur abstellen". Baecker scheint diesem relativistischen Kulturmodell zu folgen: Nach Nutt beschreibt er Kultur als "ein Schachbrett, bei dem die Spieler damit zu rechnen haben, dass kurz vor dem `Matt` die Regeln geändert werden". Der Rezensent endet mit kurzen Anmerkungen zu Baeckers kritischer Haltung zur Kulturkritik und mit der für den Leser beruhigenden Anmerkung, dass man Baeckers virtuosen Denkbewegungen nicht in allen Windungen folgen müsse.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2000
Der Rezensent bittet um Nachsicht für diese Aufsatzsammlung, genauer gesagt für einen "strategischen Fehler dieses anregenden Buches". Anerkennenswert findet Christian Geyer zunächst, dass der Autor elementare Überlebensbedingungen von Kultur - ihre notwendige "geschichtliche Zufälligkeit" - klar und eindringlich herausarbeite. Zweifel kommen da auf, folgen wir Geyers Argumentation, wo der Leser mit der "Hermetik von Baeckers systemtheoretischer Schilderung" konfrontiert wird. Normativ und epigonal, meint Geyer und sieht sich unversehens in Luhmannsche Theoriengebäude gelockt. Das eigentliche Manko des Buchs allerdings liegt offenbar darin, dass es den Winkelzügen Luhmanns selbst nicht konsequent genug folgt: "Die Innenperspektive der Kulturschaffenden" als deren Eigensinn, glaubt Geyer, werde von Baecker schlicht nicht mitgedacht. Die solcherart betriebene Grenzverwischung zwischen vitaler kultureller Kompetenz und theoretischer Vermessung, so vermutet unser Rezensent, ist schuld daran, dass der "sorgsam entfaltete Kulturbegriff am Ende doch sonderbar leer bleibt".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.07.2000
In einem ausgreifenden Essay über eine "Rückkehr der Kulturkritik" bespricht Ludger Heidbrink dieses Buch zusammen mit Geoffrey Hartmans "Das beredte Schweigen der Literatur" (Suhrkamp) und Andreas Reckwitz` "Die Transformation der Kulturtheorien" (Verlag Velbrück Wissenschaft). Heidbrink konstatiert dabei zunächst, dass die moderne Form der Kulturtheorie und -kritik nichts mehr mit ihren Vorläufern zur Weimarer Zeit zu tun habe, die sich meist auf den Protest gegen die technische Zivilisation beschränkten.
1) Dirk Baecker: "Wozu Kultur?"
Hier weist Heidbrink zunächst darauf hin, dass Baecker aus Niklas Luhmanns Systemtheorie kommt, die er mit Hilfe des Kulturbegriffs auch überwinden zu wollen scheint. Zwar sehe Baecker die "Kultur" wie Luhmann als einen "Begriff zweiter Ordnung" an, aber sie gebe - anders als "Politik" oder "Wirtschaft" - "Hinweise auf die Alternative des Systems zu sich selbst". Auch für Baecker, so Heidbrink, zeige die Kultur also "das Ungenügen der existierenden Ordnungen" an sich selbst an und liefere Hinweise auf ihre Überwindung.
2) Geoffrey Hartman: "Das beredte Schweigen in der Literatur"
Für Heidbrink scheint Hartman unter den drei besprochenen Autoren am ehesten noch ein Nostalgiker eines älteren, humanistisch geprägten Kulturbegriffs zu sein. Der Rezensent legt dar, wie Hartman, mit Dichtern wie Shelley und Keats im Gepäck, vor allem gegen "differenztrunkene Multikulturalisten" angeht, die aggressiv und selbstbesessen nur noch ihren Platz in den modernen Gesellschaften verteidigen wollen. Dagegen halte Hartman an einem Kulturbegriff fest, der es erlaube, sich dem Fremden anzunähern, ohne es gleich absolut zu setzen oder es zu leugnen. Dabei bleibe Hartman aber genau so weit entfernt von einem reaktionären Kulturbegriff, der in der einen oder anderen Weise auf "völkische" Verwurzelungen zurückgreifen wolle. "Vage und diffus" bleibt Hartman nach Heidbrink allerdings immer, wenn er auf die durchaus empfundene und formulierte Gefahr eingeht, dass sein Kulturbegriff utopisch sein könnte.
3) Andreas Reckwitz: "Die Transformation der Kulturtheorien"
Wesentlich pragmatischer scheint da Reckwitz mit dem Kulturbegriff umzugehen: er scheint ihn nach Heidbrink vor allem als einen Gewinn für die soziologische Forschung und Methoden anzusehen. Wenn man Heidbrinks Referat richtig versteht, so scheint für Reckwitz der Kulturbegriff die Beschreibung von gesellschaftlichen Differenzen und Bezugssystemen zu ermöglichen, die bei universalitischen Ansätzen untergehen würden. Etwas genervt äußert sich Heidbrink aber über Reckwitz` "immensen" theoretischen Aufwand - von Alfred Schütz bis Pierre Bourdieu - angesichts dessen die Resultate am Ende etwas dürftig blieben.
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