Bücherschau der Woche
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.07.2000
David Mamets Roman erzählt die wahre Geschichte eines Justizirrtums, der zum antisemitischen Lynchmord führte. Es gehe ihm jedoch nicht, stellt die Rezensentin Stefana Sabin fest, um ein Gerichtsdrama oder die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit. Mamet interessiere vielmehr das Verhältnis seiner Hauptfigur zum Judentum. Dem Autor gehe es ganz um das innere Drama Leo Franks, der in der Akzeptanz seiner Sündenbock-Funktion seine Würde zu bewahren verstehe. Mamet lasse einen allwissenden Erzähler über Gedanken und Gefühle Leo Franks berichten und diesen zugleich ausführlich selbst zu Wort kommen. Anders als viele andere Figuren Mamets sei Frank klarer Artikulation fähig. Die Abwesenheit von Pathos und Mitleid in der Erzählung machten zuletzt aber auch Leo Frank zum Bewohner von "Mametville".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.05.2000
Peter Körte bespricht zwei Bücher, die sich mit Mord befassen: Joyce Carol Oates` bereits 1995 in den USA erschienen Roman "Zombie" und David Mamets zweiten Roman "Der Fall Leo Frank".
1) Joyce Carol Oates: "Zombie"
Oates` Portrait eines nach dem Original von Jeffrey Dahmer modellierten Serienkillers ist nicht nur zu spät übersetzt worden, da die Konjunktur des Genres vorüber sei, klagt Körte, sondern ohnehin misslungen. Aus einem klugen Essay, den Oates im New Yorker veröffentlicht hat, sei ein papierener Roman entstanden. Der sei zwar flüssig zu lesen, aber aus der These vom Serienkiller als All American Psycho habe sie kein plastisches Bild ihres "Helden" Q.P. formen können. Oates interessiere sich offenbar "weniger für die Figur als für deren Funktion". Körte rangiert Oates` Beitrag zum mittlerweile erschöpften Genre noch hinter den "zweitklassigen" Autor und Hannibal-Lecter-Erfinder Thomas Harris ein.
2) David Mamet: "Der Fall Leo Frank"
Sehr viel interessanter findet er dagegen den zweiten Roman David Mamets, der bisher vor allem als Dramatiker, Drehbuchautor und Filmregisseur hervorgetreten ist. In "Der Fall Leo Frank" schildert er den authentischen Fall des jüdischen Fabrikbesitzers, der 1915 von einem Lynchmob kastriert und erhängt wurde, weil man ihn - fälschlich - beschuldigte, ein Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Anders als Oates mit ihrer "schlichten Rollenprosa" gelinge es Mamet, den "stream of consciousness" seines Helden überzeugend vorzuführen. Die Mametsche Diktion sei alles andere als glatt und folge der Selbstqual und den Selbstzweifeln Leo Franks in die hintersten Winkel seines Bewusstseins. Die verdrängte jüdische Identität - Körte weist auf den Originaltitel "The Old Religion" hin - des assimilierten Leo Frank gerät immer mehr ins Zentrum der gehetzten Gedanken des Helden - und wird zum Anlass einer unaufdringlichen Kritik der amerikanischen Melting-Pot-Ideologie. Der Rezensent bescheinigt Mamets Roman "einen eigenen Ton, der in der US-Literatur selten zu hören ist" und sieht ihn als bemerkenswerte Bereicherung für die deutsche Wahrnehmung, die neben De Lillo und Pynchon wenig Interessantes in der amerikanischen Gegenwartsliteratur erkenne.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2000
In einer differenzierten Rezension dieses zweiten Romans des amerikanischen Dramatikers David Mamet, führt Martin Ebel zunächst kurz in dessen Gegenstand ein: den Justizskandal um den jüdisch-amerikanischen Fabrikanten Leo Frank, eine amerikanische Dreyfus-Affäre. 1916 war ein antisemitisch motiviertes Todesurteil gegen Frank aufgehoben worden. Frank wurde aus dem Gefängnis entführt und gelyncht. Ebel kritisiert, daß die deutsche Übersetzung, auf die er sonst nicht näher eingeht, unter dem Titel "Der Fall Leo Frank? erscheint und damit eine Richtung bestärkt, die er schon im Original (amerikanischer Titel: "The Old Religion?) problematisch findet. Nur haarscharf schlittere Mamet in seinem besonders auf den ersten 70 Seiten brillant erzählten Roman am "spekulativen, literarischen Mißbrauch? seiner Figur vorbei. Der Roman, der Ebel auch an Kafkas "Prozess? denken läßt, hat ihn jedoch offensichtlich sehr gefesselt, besonders wie Mamet aus kleinen Steinen das Bild des Opfers zusammensetzt, "dessen letzter Blick den Mördern gilt, die sich an ihrer Tat voyeuristisch berauschen.?
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2000
Dieser Roman fordert Geduld, schreibt der Rezensent Stephan Reinhardt. Ein bisschen gestört fühlt er sich schon durch die zersplitterte Erzählweise Mamets, der als Drehbuchautor bekannt wurde. Mamets Erzählung über einen authentischen Fall von Antisemitismus in den USA zu Jahrhundertbeginn sei nicht so sehr an der Handlung als am Innenleben der Figuren interessiert, und dabei gebe es eine Menge Abschweifungen und Reflexionen. Andererseits aber gelängen Mamet immer wieder "packende Beschreibungen". Reinhardt nennt hier vor allem Gerichtsszenen, die den deprimierenden Prozess gegen den jüdischen Fabrikdirektor Leo Frank offensichtlich sehr bildhaft aufscheinen lassen.
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