Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Claudia Schmölders

Hitlers Gesicht

Eine physiognomische Biografie

Cover: Hitlers Gesicht

C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN-10 3406466117
ISBN-13 9783406466113
Gebunden, 264 Seiten, 9,90 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Mit 80 Abbildungen. Keines der Bilder Hitlers aus der Frühzeit lässt auch nur im mindesten erahnen, was eines Tages von diesem Gesicht abgelesen werden wird. Vom Erlöser des deutschen Volkes bis zum maßlosen Mörder - sämtliche Rollen werden an Hitlers Gesicht lebendig und von den Zeitgenossen bewundert oder mit wachsendem Erschrecken beobachtet. Im Fadenkreuz von Abbild und Vorbild, Schreckbild und Nachbild bewegt sich die vorliegende physiognomische Biographie. Hitler lebte auf einer dauernden Bühne. Vielleicht kein anderer Machthaber des 20. Jahrhunderts hatte ein so allgegenwärtiges visuelles Echo wie er. Doch Bilder sind trügerisch. Eine physiognomische Biographie bietet anderes als eine Bild- oder Mediengeschichte. Der Physiognomiker orientiert sich am lebendigen Original, also vor allem an Augen- und Ohrenzeugenberichten. Wie diese modelliert und überliefert wurden, welche Vor- und Nachgeschichte sie haben, welche Bilder sie ihrerseits erzeugten, erzählt das vorliegende Buch als Beitrag zur Analyse einer immer noch rätselhaften Faszinationsgeschichte.

BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info):
Hitlers Gesicht - Info und Inhaltsverzeichnis bei C.H. Beck

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.01.2001

Nicht besonders begeistert zeigt sich Wolfgang Sofksy von Claudia Schmölders` physiognomischer Hitler-Biografie, auch wenn er lesenswerte Details berichtet. Er wirft der Autorin ungenaue Begrifflichkeiten und daher eine mühselige Lektüre vor. Was heißt Physiognomik, fragt Sofksy; sei damit nur das Gesicht oder die gesamte physische Erscheinung, die Mimik des Gesicht oder die Gestik des ganzen Körpers gemeint? Sofsky hegt den Verdacht, dass sich die Autorin überhaupt gegen jede Klassifizierung und Typologisierung ausspricht. Ihre Hauptthese versteht der Rezensent im metaphorischen Sinn: es sei den Deutschen darum gegangen, nach der Niederlage von 1918 buchstäblich "ihr Gesicht wiederzugewinnen", und diese Sehnsucht hätten sie auf das Herrscherbildnis Hitlers projiziert. Sofksy erscheint Schmölders` Analyse "dunkler kultureller Eigenheiten" der Deutschen als unzureichend und ungeeignet die Dynamik von Hitlers Machtaufstiegs zu erklären.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2000

Peter Schürmann empfiehlt ein Buch, das neue Aspekte bei der Frage nach den Ursachen von Hitlers ungeheuerlicher Ausstrahlung liefert. Es befasst sich mit der Physiognomie des Diktators. Mit dieser Einzelfallstudie habe die Autorin Claudia Schmölde aber gleichzeitig eine "gründliche Kritik der Medien-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte der Physiognomik zwischen 1919 und 1945" vorgelegt, betont der Rezensent, denn diese sei seit Lichtenbergs Kritik an Lavaters "Physiognomischen Fragmenten" aus der zweiten Hälfte des 1800 Jahrhunderts stark in Verruf geraten. Die Autorin zeige nun "fesselnd", nach welchen Gesichtpunkten der Aufbau einer repräsentablen Physiognomie des Führers funktionierte. Dabei kläre sie auf, dass Hitler zunächst nur durch seine Stimme in Erscheinung getreten war. Seine physische Präsenz wurde erst später durch seinen Leibfotografen Heinrich Hoffmann inszeniert. Schünemann fasst zusammen, welche Absichten Schmölde in Hoffmanns Darstellungsformen vermutet: Der charakteristische bannende Blick direkt in die Kamera habe eine nahezu physische Bannkraft besessen. Gleichzeitig sollten die Bilder als "Symbole der Rückgewinnung des einst `verlorenen Gesichts" verkauft werden, zur Stabilisierung des beschädigten Selbstbewusstsein durch den verlorenen ersten Weltkrieg.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.11.2000

Alex Rühle hat dieses Buch offensichtlich mit großem Gewinn gelesen. Dies liegt vor allem daran, dass die Autorin sich nicht darauf beschränkt hat, Hitlers Leben anhand von "Fotos, Büsten, Karikaturen und Gemälden im Nachhinein zu illustrieren". Vielmehr habe Schmölders ihre Darstellungen und Deutungen in eine Geschichte der Physiognomik eingebettet. So erfährt der Leser, wie Rühle betont, einiges über die Physiognomik Lavaters (oder auch ihre Behandlung in der Kunst des 19. Jahrhunderts), die damals noch wesentlich weniger schematisch war, als sie dann im frühen 20. Jahrhundert verstanden wurde. Zu einem "Gesichts-Kult" wurde die Physiognomik, wie der Leser erfährt, etwa zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Nationalsozialisten haben also diese Sichtweise weniger erschaffen als vielmehr von dieser Entwicklung profitiert und sich diese zu Nutze gemacht. Schmölders hat diese Entwicklung nach Ansicht des Rezensenten auch mit Hilfe von zahlreichen Quellen sehr plausibel dargestellt. "Ein spannender Beitrag für die physiognomische Kulturgeschichte", lautet das begeisterte Fazit des Rezensenten.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Dorion Weickmanns breitet seinen Ekel ziemlich lustvoll aus: Ekel vor Adolf Hitlers Physiognomie. Genüsslich zitiert er in seiner Kritik Thomas Manns Worte von der `widrigen Fresse` oder `der bleich gedunsenen Visage`, um ihr schließlich die Schwärmerei eines Baldur von Schirach über `das deutsche Antlitz schlechthin` entgegenzusetzen. Das zu lesen macht natürlich sehr viel Spaß, ist aber längst keine vorbehaltlose Empfehlung für Schmölders Buch. Weickmanns Ansicht nach gelingt es der Kulturwissenschaftlerin nämlich nicht zu erklären, warum denn nun dieses Gesicht so viele Deutsche faszinierte. Das Buch sei zwar gefällig geschrieben, aber ihm fehlten klare Antworten, Neuigkeiten und Überraschungen.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000

Im Mittelpunkt der Studie, die Willibald Sauerländer sich angesehen hat, steht die Erfindung eines Gesichts, das jeder kennt und dessen Anblick einem unwillkürlich Schauer über den Rücken treibt. Entsprechend aufgeregt und irritiert tritt der Rezensent uns nach der Lektüre des Buches entgegen. Eines Buches, das angesiedelt ist zwischen politischer Zeitgeschichte und der "schillernden Physiognomik", wie Sauerländer schreibt, und im Bereich dieses Grenzstreifens herauszufinden sucht, wie sich das Antlitz Hitlers in die physiognomischen Moden und Sehnsüchte der deutschen Gesellschaft nach 1918 eingeblendet hat. Sauerländer findet die verschiedenen Maskierungen der "nichtssagenden" Führerphysiognomie, ihre "politische Modellierung", brillant beschrieben, analysiert und "mit den Strömungen des physiognomischen Diskurses von Picard bis Jünger untermalt". Einzig die Kriterien einer politischen Ikonographie, in deren Zusammenhang die hier nachgezeichnete "physiognomische Katastrophe" gehört, hat Sauerländer vermisst.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Mehr Bücher aus dem Themengebiet

blog comments powered by Disqus

Archiv: Bücherschauen

Krisen des modernen Ichs

26.05.2012: FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3

07.05.2012: Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen

Goncalo M. Tavares: Die Versehrten

19.04.2012: Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen

Laszlo Vegel: Sühne

12.04.2012: Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren