Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Aus dem Archiv
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Das Mädchen Vroni, zu Beginn der Geschichte sechs Jahre alt, wächst in einer Großfamilie im Allgäu auf, die vom Großvater mit harter Hand regiert wird. Vroni ist den familiären Machtverhältnissen hilflos ausgeliefert. Insbesondere leidet sie unter den unkontrollierten Wutausbrüchen ihres Vaters, der als Kriegsversehrter eine vom Großvater ganz und gar abhängige Existenz führt. Niemand hat den Mut oder die Position, Vroni beizustehen, auch die Mutter nicht. Aber da gibt es Pierre, der Sohn der jüdischen Fabrikantenfamilie im Dorf, die nach Kriegsende aus dem Osten kam, um die geerbte Fabrik zu übernehmen. Pierre spielt Klavier wie Mozart, er "ist" Mozart, ihr Held, der ihr mit seiner Kunst eine Gegenwelt zu den bedrückenden und grausamen Verhältnissen in ihrem Zuhause eröffnet. Mit diesem Jungen, körperlich ein Krüppel, zu dem ihr der Kontakt strengstens untersagt ist, verbindet sie eine zärtliche Freundschaft. Doch als durch Intrigen der Dorfbewohner der Konkurs der Fabrik herbeigeführt und Pierres Familie vertrieben wird, bricht für Vroni eine Welt zusammen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.03.2001
Eine gelungene Gratwanderung bescheinigt Elsbeth Pulver dem Prosadebüt der Lyrikerin Claire Beyer. Sie hat es mit ihrem geschulten Gefühl für Worte geschafft, einen Stoff zu verarbeiten, der bei einem "beschreibungssüchtigen Kollegen ... leicht eine Horror- und Prügelgeschichte" hätte werden können. "Strenge Konzentration" und "Aussparungen" seien, die hauptsächlichen Qualitäten des Buches, das von einer Familie und insbesondere von der Gewalt zwischen dem Kind und dem "Golem-Vater" und Kriegsveteranen erzähle. In ihrer stellenweise märchenhaft anmutenden Geschichte ist der Autorin insbesondere die phantasie- und liebevolle Figur des Kindes außerordentlich geglückt, lobt Pulver. Selbst der Schluss, dessen Anlage geradezu zur "Kolportage" einlade, vermeide "haarscharf" jene Stellen, an denen die Glaubwürdigkeit zerbrechen könnte. Lediglich ein strukturelles Problem tauche in der Vater-Kind-Beziehung auf, das der Leser sofort durchschaue: Jedes auch nur angedeutete Glück des Kindes muss sofort vom Vater zerstört werden.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2000
Mit diesem späten Debüt, findet Rezensent Martin Ebel, habe die Autorin einen "nahezu makellosen Text" vorgelegt. Es befremdet zunächst, dass der Rezensent dieses Buch mit Gustaw Herlings GULag Bericht "Welt ohne Erbarmen" vergleicht, und um Worte für die von Claire Beyer beschriebene Familienhölle zu finden, selbst vor der Verwendung von KZ-Vokabeln wie "Kapo" nicht zurück schreckt. Doch je weiter man liest, desto eher versteht man, wie er dazu kommt. Denn was aus den Schilderungen des Rezensenten aus dieser Kindheits- und Leidensgeschichte an Brutalität und Grausamkeiten an die Oberfläche dringt, sprengt tatsächlich die Grenzen dessen, was man aus ähnlichen Geschichten aus dem "dörflichen Bayern der frühen fünfziger Jahre" kennt. Und man kann dann auch die abschließende Einschätzung nachvollziehen: dass nämlich dieser "in seiner Drastik vielleicht extreme Einzelfall" durchaus etwas Exemplarisches habe. Wage die Autorin hier doch einen Blick auf eine Generation, die die Erfahrung von NS-Diktatur und Weltkrieg nicht verarbeitet, "sondern nur verdrängt" habe und so die eigene Deformation an die nächste Generation weiter gab.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000
Schon die Besprechung des Buchs durch Manuela Reichart lässt eine Gänsehaut entstehen, wie stark müssen da die Gefühle sein, die sich bei der Lektüre des rezensierten Buches einstellen? Die Rezensentin beschreibt eindrucksvoll ihre eigenen Lektüreerfahrungen: `Fast unerträglich` wurde ihr das Lesen, `weil der Text so genau und einfühlsam die kindlichen Schmerzen und Gedanken in Worte fasst`. Claire Bayer beschreibt die Qualen eines Kindes in den 50er Jahren. Die Menschen, die es liebevoll umsorgen und aufziehen sollten, sind vom Krieg seelisch deformiert. Sie geben die erfahrenen Grausamkeiten an ein unschuldiges Kind weiter, das keine Chance auf ein Entkommen aus dieser Hölle hat. Reichart betont, dass es sich hierbei nicht um ein tragisches Einzelschicksal, sondern um ein historisches Phänomen handelt: (...)`in der kindlichen Existenz spiegelt sich die Gesellschaft wieder, die junge Bundesrepublik mit seinem Wirtschaftswunder in der verletzten Seele des kleinen Mädchens`.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.10.2000
Friedhelm Rathjen ist äußerst angetan von diesem Roman. Er sieht sich durch den "schlichten Ton" an Märchen erinnert, stellt aber fest, dass die Darstellung einer Kindheit im Allgäu der Nachkriegszeit alles andere als idyllisch ist. Die Schilderungen, die fast durchgehend aus der Perspektive des Kindes Vroni erzählt sind, seien "sehr suggestiv" und dabei kaum zu ertragen, so der Rezensent erschüttert. Er weist darauf hin, dass die Diskrepanz zwischen dem naivem Erzählton und der Brutalität der Geschehnisse die eigentliche Wirkung des Textes ausmacht und sieht in dem Roman nicht nur das Schicksal eines Kindes, sondern die "Verlogenheit einer Gesellschaft" dargestellt, die den Faschismus nicht verarbeitet hat. Und wenn er auch an einer Stelle im Text die Gefahr des Kitsches aufscheinen sieht - die Protagonistin erlebt "glückliche Stunden mit einem herzensguten Menschen" - findet das Buch schnell wieder zum "Boden der Ernüchterung zurück", lobt der Rezensent.
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