Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson. Mit einem Nachwort von Cordelia Borchardt. B.S. Johnsons Protagonisten sind Helden des Alltags: "Albert Angelo" erzählt die Geschichte eines dicklichen jungen Lehrers, der es leider nicht sehr weit bringen wird. Eigentlich ist er Architekt, aber niemand interessiert sich für seine Entwürfe. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Aushilfslehrer, aber niemand interessiert sich für seine Ausführungen - nicht zuletzt, weil seine griechischen und türkischen Schüler kaum ein Wort Englisch verstehen. Seit Jahren liebt er Jenny, die ihn längst verlassen hat, wegen eines Krüppels, der sie nötiger braucht. Albert fühlt sich überflüssig, unglücklich, als Versager. Am Ende des Schuljahres lässt er seine Schüler einen Aufsatz schreiben, in dem sie darlegen sollen, was sie von ihrem Lehrer halten, damit sie so ihre Aggressionen "kanalisieren". Die Porträts des ungeliebten Lehrers lassen nichts Gutes ahnen.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.09.2003
Als sehr begrüßenswert lobt Jörg Plath die Edition dieses bereits 1964 im englischen Original erschienen Romans. Die Geschichte über den Aushilfslehrer Angelo, dessen freudloses Leben durch seine ihn zu Tode prügelnden Schüler beendet wird, bricht mit den in den 60er Jahren in der britischen Literatur noch immer vorherrschenden Erzählkonventionen des Realismus, bemerkt der Rezensent. Neben durchaus "traditionell erzählten" Episoden bietet der Autor in seinem Romandebüt ein Werbeprospekt einer Wahrsagerin, ein "vor Kitsch triefendes Gedicht", vollkommen triviale Filmszenen und Schüleraufsätze auf, so Plath fasziniert. Doch sei das Buch nicht nur was die Erzählweisen angehe, sondern auch auf "materieller" Ebene "durchlässig", indem auf sechs Seiten ein Loch mit Blick auf die fiktionale Zukunft der Hauptfigur zu finden ist, teilt der Rezensent mit. Plath preist Johnson als einen wichtigen "Protagonisten der Moderne" und freut sich nachdrücklich, dass der hierzulande fast vergessene Autor "wiederzuentdecken" ist. Er lobt ihn wegen seiner unkonventionellen Erzählweise als "würdigen Erben von Laurence Sterne" und legt ihn seinen zukünftigen Lesern als "große Entdeckung" ans Herz.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.07.2003
Für Ulrich Rüdenauer gilt es, Entdeckungen zu machen: Eines Autors, B. S. Johnson, der zu den kreativsten im England der 60er Jahre zählte und doch vergessen ist; und eines Romans, der berührend, klug, witzig, spannend, frei von realistischen Konventionen und doch prall gefüllt mit Lebenswirklichkeit und darüber hinaus sprachlich virtuos ist: "Albert Angelo". Der Titel ist der Name des Anti-Helden, der zu klug und zu empathisch ist, um nicht zu resignieren, der sich aber immer wieder verzweifelt ans Aufbauen macht, oder zumindest ans Entwerfen. Albert Angelo ist ein Aushilfslehrer, der in seiner Freizeit architektonische Visionen zu Papier bringt, während er den trüben Schulalltag als verhasster Repräsentant eines Systems verbringen muss, das er selber hasst. Er "lebt und lehrt gefährlich", konstatiert Rüdenauer und weist ganz besonders auf die Form hin, in der dieses literarische Leben gestaltet ist: Johnson habe dem "veralteten Medium Roman" den Teufel an den Hals gehetzt, zugleich aber habe er es zu sehr geliebt, um sich "zu einer kompletten Vernichtung" zu entschließen. Das Ergebnis: ein sprachliches Gefüge, das zu Papier gebrachter Jazz sei. So weit, so großartig. Bevor man aber losläuft, um das Buch zu erwerben, ärgert man sich noch kurz über Kritiker, die so gern die literarische Qualität der Sprache preisen und dabei im Fall von Übersetzungen beinahe immer vergessen, durch wessen Kopf und Feder sie geflossen ist. Der Name sei deshalb hier genannt: Regina Rawlinson.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.05.2003
Angela Schader ist hocherfreut, dass der Roman des britischen Autors, der bereits 1964 publiziert wurde, jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Da der Autor hierzulande "wenig bekannt" sei, lobt sie zunächst das Nachwort als informativ und auch die Übersetzung von Regina Rawlinson gefällt ihr. Dabei verblüfft es die Rezensentin sehr, dass der Roman vor fast 40 Jahren geschrieben wurde, da sie meint, er ließe sich "problemlos in die Jetztzeit" übertragen. Nicht nur die Themen scheinen ihr sehr aktuell - der Protagonist ist Hilfslehrer in London, der seiner unruhigen Klasse ohnmächtig gegenüber steht - auch die Konstruktion des Romans findet sie in seiner Experimentierfreudigkeit sehr modern. Schader beschreibt den Aufbau des Buches als nach "musikalisch-literarischen und grammatischen Prinzipien" konstruiert, wobei sie darauf hinweist, dass "kontinuierliches Erzählformen" mit anderen Texten wie Schulaufsätzen, Kolumnen oder "theatermäßigen" Dialogen gemischt werden. Lediglich, dass Johnson die Handlung seines Buches nicht "graduell auslaufen", sondern mit autobiografischen Erklärungen enden lasse, findet Schader etwas enttäuschend.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2003
Als Zentrum einer "wachsenden, verschworenen Leserschar" beschreibt ein begeisterter Rezensent Tobias Döring den britischen "Erzähler, Lyriker, Dramatiker, Filmemacher, Fußballreporter und Kritiker" B.S. Johnson. Besonders schätzt er an diesem Autor, dass man den "Theoriewert" seiner avantgardistischen Literatur beim Lesen getrost vergessen könne, da er "alle programmatischen Neuerungen" mit anarchischem Witz und grimmiger Komik verbinde. Im vorliegenden Roman sieht Döring einen Bildungsroman "aus Verlegenheit und schleichender Verzweiflung" und gibt bei der Lektüre gleichermaßen Beklemmung wie Beglückung zu Protokoll. Auch fesseln ihn, eigenem Bekunden zufolge, die "Wirren der Gewöhnlichkeit", in die sich Protagonist Albert zunehmend verstrickt. Der Rezensent sieht Autor Johnson in diesen einfachen Geschichte seinen "gesamten Einfallsreichtum" aufbieten. Schon Schrift und Druckbild des Buches geben dem Tod, der ihm aus dem Buch entgegenblickt, von Anfang an eine "unheimliche Präsenz und Anschaulichkeit". Auch die zweispaltig gesetzten Simultanszenen, ("eine Art erzählerischer Split-Screen"), verleihen in seinen Augen dem "ständigen Gegeneinander von Sehnsuchts- und Alltagswelt, von Selbst- und Fremdwahrnehmung, von innerer und äußerer Rede" eine bittere Prägnanz, die in der Literatur ihresgleichen suche.
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