Bücherschau der Woche
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. 27 Monate lang war Antonio Lobo Antunes Anfang der sechziger Jahre als Militärarzt in Angola, immer wieder tauchte die persönliche, traumatische Kriegserfahrung in seinen Büchern auf. Lange hielt er es nicht für möglich, einen Roman »nur« über Angola zu schreiben. Nun liegt er vor. Eine Geschichte vom Ende der jahrhundertelangen Kolonialherrschaft Portugals in diesem Land im südwestlichen Afrika bis heute, eine Geschichte von Macht, Korruption und Gewalt, erzählt von den ewigen Verlierern, denen es nicht gelingt, sich zu bereichern, die fallengelassen, betrogen, getötet werden.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2006
Alexander Kissler kann sich "kaum ein aufregenderes Leseabenteuer" vorstellen als die Bücher des portugiesischen Schriftstellers Antonio Lobo Antunes - obwohl sie "spröde", "verrätselt" und "herrisch" daherkommen und ihre Lektüre keineswegs leichte Kost verspricht. Auch Antunes? nun vorliegendes neues Werk macht zur Freude Kisslers da keine Ausnahme: "Auf 750 Seiten triumphiert der unverwechselbare Antunes-Sound, der das Entlegenste zusammenbindet und neue, innere Wirklichkeiten schafft". Ob es tatsächlich 750 Seiten sein mussten, darüber kann man nach Kissler streiten. Er hält den Umfang aber für gerechtfertigt - "deutlich kürzer" und "entschieden klarer" läßt sich seines Erachtens die Geschichte über den melancholischen von seinen Erinnerungen gequälten Ex-Geheimdienstchef Seabra, die zugleich die Geschichte Portugals sei und die der Menschheit überhaupt, schließlich nicht erzählen. Kissler hebt hervor, dass Antunes? Werk zwei Phänomene von globalen Rang abbildet: die "Unerzählbarkeit der Gegenwart" und die "seelische Überforderung der Gegenwartsmenschen".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.12.2005
Rezensent Thomas Laux beobachtet, dass bei diesem Roman ein Thema dominiert, das in Antonio Lobo Antunes' bisherigen Büchern vor allem im Subtext vorkam - nämlich die Erfahrungen, die er als Psychiater in den frühen siebziger Jahren machte, als Portugal in Angola den letzten Kolonialkrieg ausfocht: "Zum ersten Mal dringt Antunes zu diesem verschatteten Kern seiner eigenen Biografie vor." Doch allzu einfach ist die Sinnstiftung nicht. Wer in dem Roman nach einer eindeutigen Botschaft sucht, wird nach Meinung des Rezensenten enttäuscht: Kritik am politischen System finde sich nämlich nicht. Eine konkrete Handlung gibt es kaum, erfahren wir. Dementsprechend bedauert es Laux, dass die Zeiten vorbei scheinen, als "Plot und Diktion" bei Antunes "noch zur Deckung kamen". Der Krieg werde zum "diffusen Echo". Dem Rezensenten hat die Lektüre keinen "genuinen Erkenntniszugewinn" gebracht. Antunes, bedauert er, hat ein spannendes Thema verschenkt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2005
Als "Meisterwerk" und "Zumutung" zugleich hat Rezensent Hans Christoph Buch diesen über siebenhundertseitigen Roman über Portugals faschistische Vergangenheit empfunden. Denn die mit dieser Zumutung einhergehende Verunsicherung des Lesers angesichts des "Wiederholungszwangs" der Erzählweise sei gewollt und führe den Leser in einem "spiralförmigigen Sog" immer tiefer in die verdrängte Vergangenheit und zu einer besonderen "Leiche im Keller" von Portugals Geschichte, ins afrikanische Angola. Antonio Lobo Antunes schildere das Geschehen aus der "Froschpespektive" vom "Handeln anderer Betroffener". Rücksichtslos sieht der Rezensent über sie den "Orkan der Geschichte" hinwegfegen. Gelegentlich fühlt er sich während der Lesehöllenfahrt durch die Katakomben der Kolonialgeschichte wie bei Dante oder Vergil. Immer wieder tritt dabei die Handlung aus seiner Sicht auf der Stelle. Oft ist der Rezensent so irritiert, dass er sogar Mühe hat, die wechselnden Protagonisten voneinander zu unterscheiden. Im Verlauf der Lektüre ergänzt sich für ihn dann die Vielfalt "einander überschneidender oder ins Wort fallender Stimmen", "flirrende Einzelbeobachtungen" und "irritierende Details" zu einem "pointillistischen Gemälde", aus dessen "verschwimmenden Konturen" sich langsam das "Panorama einer Epoche" schält.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005
Rezensent Friedhelm Rathjen zeigt sich berührt von Antonio Lobo Antunes' Roman, der sich, wie bereits das Werk "Portugals strahlende Größe", mit dem Thema Afrika beschäftigt. Der Autor beschreibt die Schrecken, die der Kolonialkrieg in Angola hinterlassen hat, das Elend in einem Land, das nur noch von Kindern und Greisen bevölkert wird. Sein Roman ist dreigeteilt: In jeder Partie versuchen Agenten der Spionageabwehr, in Angola "Zielpersonen" aufzuspüren, bis sie selbst zur Zielscheibe ihrer Nachfolger werden und sterben. Antonio Lobo Antunes verzichtet auf eine klare Geschichte, er verzichtet auf lineares Erzählen und fertige Sätze. Genau diese "poröse Struktur" ist es, die der Rezensent so gelungen findet. "In zersplitternden, sich quälend häufig wiederholenden Bildern äußerster Gewalt" sei der Leser gefangen, der sich gemeinsam mit dem Autor dem "Herzen der Finsternis" nähert. Eine einzige "Schreckensstarre" ist das Buch und der Kritiker vermutet, dass der Autor, einst selbst als Militärarzt am Kolonialkrieg beteiligt, sich damit auch ein wenig der "Finsternis seines Herzens" genähert hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005
Über die Auseinandersetzungen von Kolonialmacht und Rebellen in Angola spricht Antonio Lobo Antunes nicht, wie der Rezensent Uwe Stolzmann zu berichten weiß, aber schreiben tut er nahezu "obsessiv" darüber. Im vorliegenden als "Anklageschrift" verfassten Buch, das mit seinen 750 Seiten "wie aus einem Block gehauen" wirkt, entwerfe Antunes das Bild eines von "weißen Herrenmenschen" und "schwarzen Kriegsfürsten" gequälten Landes. Im Mittelpunkt des Buches steht die portugiesische Geheimpolizei, die während des Krieges in Angola illegale Geschäfte mit Diamanten machte. Kurz vor dem Ende der Diktatur in Portugal werde jedoch allen beteiligten Agenten der Laufpass gegeben. Ihnen, den vielen "Verlierern" im Gerangel der Gier, erteile Antunes das Wort. Wie auch bei anderen Romanen des Portugiesen drohe der Leser sich im virtuosen "Labyrinth von Gedankensplittern und apokalyptischen Visionen" zu verlieren, gibt der Rezensent zu. Doch für ihn ist diese Überforderung der Preis der Meisterschaft: "Guten Abend ihr Dinge hier unten" ähnele einer "beängstigend perfekten" Skulptur, die mit "grimmigem Humor" den einseitigen europäischen Blick auf die Vorgänge in der damaligen Kolonie bloßlegt.
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