Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Aus dem Polnischen übersetzt von Karin Wolff. Polen in den 60er Jahren: Madame La Directrice, die neue Schuldirektorin und Französischlehrerin, sorgt für Unruhe unter den Abiturienten. Auch der siebzehnjährige Erzähler der Geschichte ist wie elektrisiert von ihrer makellosen Schönheit und weltläufigen Eleganz. Wer ist diese Frau, woher rührt ihre offenkundige Nähe zum Westen und was geschah in ihrer Vergangenheit, daß sie dennoch Direktorin der Schule werden konnte? Der junge Abiturient ist ihrer Anziehungskraft verfallen. Mit wachsender Obsession versucht er, ihr Geheimnis zu ergründen, und wird auf unerwartete Weise fündig.
Antoni Liberas erster Roman löste in Polen zum Teil heftige Reaktionen aus. Gegenstand der Diskussion war nicht nur die literarische Qualität des Buches, sondern vor allem die Thematisierung von Widerstand und Anpassung, Kleinbürgertum und Weltoffenheit im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.01.2001
Im Großen und Ganzen positiv wertet Marta Kijowska dieses Buch, an dem sie vor allem Liberas - in der neueren polnischen Literatur eher selten zu beobachtende - Auseinandersetzung mit dem Kommunismus schätzt und auch den Umgang des Autors mit der "Sprache als `realitätsgestalterischen` Mittel als besondere Stärke herausstellt. Der Leser erfährt, dass es hier viel um das Erleben von Gegenwart bzw. Realität und die Wahrnehmung und auch Verklärung von Vergangenheit geht. Dass der Autor seine Geschichte in den sechziger Jahren angesiedelt hat, wertet die Rezensentin als "eine zusätzliche, interessante Note". Lediglich eine "massive Bildungsfracht" moniert Kijowska an diesem Roman, die den Lesefluss eher behindere. Zwar verraten ihrer Ansicht nach Liberas ausführliche Erläuterungen zur Kultur und Geschichte ein immenses Wissen. Doch dass auch der 18-Jährige Protagonist mit diesem enormen Bildungshintergrund erscheint und sich zudem auch stets entsprechend ausdrückt, erscheint ihr bisweilen so, als ob er "gleich als 60-Jähriger auf die Welt gekommen" sei.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2000
Mit einer Doppelrezension bespricht Ulrich M. Schmid zwei Romane polnischer Autoren, die - trotz großer Unterschiede - einige Gemeinsamkeiten aufweisen. So haben beide Romane nicht nur die aussichtslose Liebe eines pubertierenden Jungen zum Thema, sondern zeigen auch, dass die "sozialistische Vergangenheit Polens noch nicht als aufgearbeitet (...) gelten darf". Schmid stimmt mit einigen polnischen Kritikern überein, dass beide Roman eher für die über Vierzigjährigen interessant sind, bei denen sich ein "Wiedererkennungseffekt" einstellen dürfte. Darüber hinaus sieht der Rezensent in beiden Büchern einen speziell polnischen Machismus beschrieben, bei dem das in erotischer Hinsicht beschädigte narzisstische Ich mit einer "gesteigerten Phantasieproduktion antwortet", anstatt einen Reifungsprozess durchzumachen.
1.) Antoni Libera: "Madame" (dtv Verlag)
Schmid betont bei diesem Buch die "konsequent subjektive Erzählhaltung", die ihm offenbar besonders gut gefallen hat. Denn dass Leben der begehrten Französischlehrerin wird hier, wie er feststellt, erst nach und nach durch die Nachforschungen des Protagonisten deutlich. Daneben hebt der Rezensent die komischen Aspekte des Romans hervor, die gerade bei polnischen Lesern mit einem Wiedererkennungseffekt rechnen können. Dazu zählen nach Schmid von Libera geschilderte sozialistische Relikte im Alltagsleben, Schwarzhandel an den Universitäten, bürokratische Kleinkariertheit, auf der anderen Seite jedoch auch die Flucht in Traumwelten, die vom Autor nicht ohne Ironie beschrieben werde.
2.) Witold Horwath: "Séance" (Hoffmann und Campe)
Von Liberas Roman unterscheidet sich der Horwaths schon durch die Konzeption, so Schmid. Keine "fiktiven Erinnerungen" werden hier geschildert, vielmehr sei das Buch eine "Collage einzelner Bewusstseinsfragmente". Was zunächst als eine Sammlung scheinbar unzusammenhängender Teile erscheint, erweist sich, wie Schmid betont, am Ende doch als logische Notwendigkeit. Denn erst am Ende werde klar, dass es sich um eine Beichte handelt, eine "raffinierte Wendung", wie der Rezensent anerkennend anmerkt.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
Der Plot klingt etwas abgegriffen: Schüler liebt Französischlehrerin, und "leidet nach allen Regeln wertherscher Kunst". Was dieses Romandebüt in den Augen von Rezensentin Stefanie Peter jedoch auszeichnet ist sein Schauplatz: das Warschau der sechziger Jahre, sein "intellektuelles und politisches Klima", in das Libera seinen Leser bis in die letzten Einzelheiten hineinzuversetzen vermöge: die Jahre des "Tauwetters" nach Stalins Tod, als die kommunistische Ideologie "in Alltagskultur und Bildungssystem, Kunst und Histriografie selbstverständlich zu werden beginnt." Vor diesem Hintergrund, meint die Kritikerin, sei auch der Rückgriff auf das Genre "Bildungsroman" zu verstehen. Und der Griff zur Französischlehrerin - denn "Frankreich und das Französische" hätten seit dem 19. Jahrhundert im "polnischen Imaginären" einen besonderen Ort besetzt. Damals sei Paris zum "anderen Ort des freien Polen" geworden. Auch während der kommunistischen Diktatur seien die einschlägigen Exilzeitschriften noch in Paris verlegt worden und Libera schreibe diese "französisch-polnische Übertragung" hier als Liebesroman fort. Dabei habe das Buch dann manchmal sogar Züge eines Rohmer-Films.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
Von Lesern empfohlene Bücher
Lukas Hartmann: Räuberleben
Geächtet, verteufelt, gejagt das ist das Schicksal des Räuberhauptmanns Hannikel und seiner Familie. Ein historischer ...
Theodor W. Adorno: Philosophie und Soziologie (1960)
Herausgegeben von Dirk Braunstein. Die Vorlesung über "Philosophie und Soziologie" aus dem Sommersemester ...
Archiv: Bücherschauen
Krisen des modernen Ichs
26.05.2012: FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3
07.05.2012: Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Goncalo M. Tavares: Die Versehrten
19.04.2012: Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen
Laszlo Vegel: Sühne
12.04.2012: Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen








