Ähnlich Camille Claudel zwei Jahrzehnte zuvor, gerät Gwen John in der Zeit, in der sie Rodin für die nie vollendete 'Muse a Whistler' Modell steht, in eine demütigende, emotionale Abhängigkeit vom Bildhauer, die sich lähmend auf ihre Künstlerkarriere auswirkt. Im Unterschied zu Claudel, die an ihrer Liebe zu Rodin schließlich zerbrach, gelingt es John, zu ihrer Kunst zurückzufinden, nicht zuletzt dank Rainer Maria Rilke, zu dem sie während seiner Anstellung als Rodins Sekretär eine zaghafte, unverbindliche Freundschaft unterhält.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.02.2002
In der NZZ bespricht Sybille Birrer zwei Bücher des Genres historischer Roman, das ihrer Meinung nach gerade in unserer bildungsbeflissenen Gegenwart immer populärer wird: Rosemarie Kellers biografischer Roman über die Ärztin Caroline Farner "Ich bereue nicht einen meiner Schritte" und Alexandra Lavizzaris Roman über Rodins Muse "Gwen John". Dieses Buch trägt für Birrer verdientermaßen die Bezeichnung Roman. Es ist der walisischen Künstlerin Gwen John (1876 - 1939) gewidmet, die ähnlich wie Camille Claudel jahrelang in einem demütigenden Abhängigkeitsverhältnis zum Bildhauer Auguste Rodin stand, sich aber anders als diese irgendwann lösen konnte. Über 1000 erhaltene Briefe zeugen von Johns Obsession, schreibt Birrer. Die Rezensentin hat vor allem die Zitatauswahl der Autorin überzeugt, ihr ungeheures Einfühlungsvermögen, ihre zugleich vorhandene Imaginationskraft, die sich ganz der "Augenhöhe der Künstlerin verschreibt". Johns Wahrnehmung und Lavizzaris Schilderung der Krisenjahre wirke dadurch zunächst völlig überspannt, meint Birrer, aber auf den zweiten Blick bewirke dieses Verfahren, dass man Johns Sichtwiese der Beziehung und der Welt "geradezu fühlbar" nachvollziehen könne. Ein literarisch überzeugender Roman des historischen Genres, so die Rezensentin.
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