Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.02.2002
"Menander und Glycerion" schrieb Christoph Martin Wieland siebzigjährig auf seinem Landgut in Oßmannstadt, teilt uns Rezensent Lothar Müller mit. Die Liebesgeschichte zwischen dem dem griechischen Komödiendichter nachgebildeten Menander und einem Blumenmädchen hat er allerdings in Athen angesiedelt, wenngleich, meint der Rezensent, sie auch auf Wielands Landgut spielen könnte. Das "wohlfeile Taschenbuch", mit einem "klugen" und "stilsicheren" Nachwort Jan Philipp Reemtsmas versehen, empfiehlt Müller allen, die der bisweilen aufdringlichen Direktheit und Distanzlosigkeit zeitgenössischer Liebesromane überdrüssig seien. Den Roman verortet der Rezensent in der Tradition der Briefromane, hat darin aber trotzdem mehr erkannt als eine empfindsame Liebesgeschichte, vielmehr nämlich auch im Spiel mit den Motiven Unbeständigkeit und Untreue die Geschichte einer Desillusion. Zugleich mit der Taschenbuchausgabe ist auch ein Hörbuch erschienen, von Reemtsma "mit tiefem Ernst und zugleich lauter Schalk in der Stimme" gelesen, so Müller. Der Rezensent findet Reemtsmas Vortragskunst ganz passend. Denn schließlich habe es in Wielands Roman nur den Anschein, als ob zarte Figuren zierliche Sätze aufs Papier hauchten. Dahinter nämlich, hat Müller erkannt, stehen sehr energische Frauen, die voller Leidenschaft egoistischen Männern Widerstand leisteten.
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