Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Bruno Latour
Das Parlament der Dinge: Naturpolitik
Klappentext
Herausgegeben von Ulrich Beck. Aus dem Französischen von Gustav Roßler. Was tun, fragt Bruno Latour, mit der Politik der Ökologiebewegungen? Nichts. Was tun statt dessen? Politische Ökologie. Denn, so seine These, begrifflich betrachtet existiert sie überhaupt noch nicht, da in der Programmatik der grünen Parteien "Ökologie" und "Politik" aneinander gekoppelt wurden, ohne diese Begriffe auf ihren Inhalt und die Verknüpfung auf ihre Folgen zu befragen. Damit die Demokratie nicht durch Berufung auf Natur paralysiert wird, bestimmt Latour anstelle des Zweikammer-Kollektivs von Gesellschaft und Natur ein neues Kollektiv, das aus "Menschen" und "nicht-menschlichen Wesen" zusammengesetzt ist. Wie dieses "Parlament der Dinge" funktioniert, welches seine Aufgaben sind, worin seine Politik bestehen kann - wie also eine politikfähige Ökologie beschaffen ist, dies zeigt Latour in seinem Essay.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.06.2002
Der Untertitel täuscht, warnt der Rezensent Martin Bauer: Wer den französischen Soziologen Bruno Latour im unmittelbaren Umfeld der Naturschutzbewegung vermute, der irrt. Latour ist viel radikaler, hinterfragt nämlich bereits den Begriff der "Natur" - und im selben Atemzug die Wissenschaften, die ihn und damit ihre Autorität in Sachen Wahrheitsfindung immer schon als gegeben ansehen. Bleibt die Frage: Was macht unsere "gemeinsame Welt" noch aus, wenn dieser Boden der Sicherheit wegbricht? Latours Antwort: Es bleibt die ständige Kommunikation des globalen ökologischen Haushalts, der Menschen, aber auch der Dinge und der Tiere als gemeinsam Handelnder und von ihrem Handeln Betroffener. Bauer ist voller Respekt für diesen Versuch der Umkehrung der Perspektiven, klagt aber andererseits, dass nicht nur manche der Beispiele Latours, sondern wohl auch sein ganzer Zukunftsentwurf "furchtbar naiv" seien, manche Passagen "geschwätzig". Nicht als Schöpfer eines neuen Weltbilds schätzt er Latour, sondern als "Seismographen" einer neuen Situation.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.03.2002
Den Großangriff auf seine Glaubwürdigkeit, den der Physiker Alan Sokal vor fünf Jahren geflogen hat, scheint der Autor ja gut überstanden zu haben. Holt Latour doch jetzt zum Überprojekt einer Grundlegung einer "neuen Verfassung" aus, in welchem er den "Grundwiderspruch zwischen Demokratie und Wissenschaft" aufzulösen trachtet. Jörg Lau wundert's nicht wenig. Zumal er allerorten bereits "wohlwollende Rezensionen" gelesen hat. Das muss anders werden, sagt er sich und schreibt einen Verriss. In "freundlichen Pastellfarben" male der Autor seine Utopie einer gleichmachenden "politischen Ökologie" und übersehe, dass darin weder ein Korrektiv gegen "totalitäre Versuchung" noch unabhängige Werte als Argument gegen die Folgen wissenschaftlicher Entdeckungen Platz hätte. Die neue Verfassung, so Lau, würde sich trotz ihres radikaldemokratischen Anstriches schnell als ein Albtraum an Illiberalität und Rechtlosigkeit erweisen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.01.2002
Uwe Justus Wenzel fällt zu Bruno Latour und seinem "Parlament der Dinge" ein Kinderbuchklassiker ein: Erich Kästners "Konferenz der Tiere". Auch bei Latour gehe es um den Zustand der Welt, die zu retten sei, aber anders als bei Kästner kämen hier Natur und Gesellschaft, Mensch und Tier in einen Topf beziehungsweise an einen Konferenztisch, umreißt Wenzel das Anliegen des französischen Wissenschaftssoziologen, der sich mittlerweile auch außerhalb seiner Zunft einen Namen gemacht hat. Der Autor als Protokollant beziehungsweise Parlamentssekretär: richtiger als das "Parlament der Dinge" müsse es allerdings das "Parlament der Streitsachen" heißen, berichtigt Wenzel. Denn der Autor sei in jeder Hinsicht ein streitbarer Geist, der das alte platonische Höhlengleichnis als großes Missverständnis interpretiert. Gerade die Entmischung von Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, Gesellschaft und Wissenschaft schanzte im Verlauf der Zeit der letzteren eine Sonderrolle zu, so dass sie sich als Sachwalterin der Natur aufspielen konnte. Für Latour gebe es Wissenschaft nur im Plural, meint Wenzel, und lobt die erstaunliche wissenschaftliche Phantasie, die der Autor visionär blühen lasse.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2001
Mit der kategorischen Unterscheidung von Menschen, Tieren, Pflanzen und Steine soll, nach Latour, Schluss sein, also beruft er ein "Parlament der Dinge" ein, auf dass ein jeder darin Stimmrecht habe. Begründet ist das ganze wissenschaftstheoretisch, hier möchte Latour die Unhaltbarkeit der Grenze "zwischen Drinnen und Draußen", also zwischen Natur und ihrer Beobachtung, aufweisen. Die ökologische Krise, so sein Argument, ist nicht zuletzt eine Krise, die sich der wissenschaftlichen Unterscheidung von Subjekt und Objekt verdankt, die nun, im "Parlament der Dinge" aufgehoben wäre. Alles schön und gut, meint der Rezensent Jürgen Kaube, nur ist ihm nicht klar, was die Verwirklichung dieser "Utopie" zur Folge haben könnte. An "Lobbys und Gutachten", hält er dagegen, mangelt es schon heute nicht, die Dringlichkeit der angestrebten "Verfassungsänderung" vermag er folglich nicht einzusehen.
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