Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) war der bekannteste und einflussreichste österreichische Wissenschaftler nach 1945. Spätestens seit dem Jahr 1973, als Konrad Lorenz gemeinsam mit Niko Tinbergen und Karl von Frisch der Nobelpreis zugesprochen wurde, gibt es aber auch Diskussionen um Lorenz' Naheverhältnis zur Ideologie des Nationalsozialismus. "Die andere Seite des Spiegels" ist das erste Buch über den "politischen" Konrad Lorenz. Die Autoren Benedikt Föger und Klaus Taschwer recherchierten seine Vita während der NS-Zeit und decken auf, wie prägend Politik und Zeitgeschehen in das Leben und Werk des Forschers hineinspielten und auch seine wissenschaftlichen und ideologischen Ideen mitbestimmten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2002
Helmut Mayer sieht in diesem Buch, das das Verhältnis von Konrad Lorenz zum Nationalsozialismus untersucht, noch mal zweifelsfrei gezeigt, dass Lorenz mehr als ein bloßer Opportunist in schwierigen Zeiten gewesen ist. Die Texte, die Lorenz bis zum Kriegsende schrieb und die die beiden Wiener Wissenschaftsjournalisten noch einmal beleuchten, zeigten ohne Zweifel einen "von keinerlei Skrupeln geplagten Anhänger" der nationalsozialistischen Ideologie, so der Rezensent nachdrücklich. Dass dabei der private Mensch, der sich über den Rausschmiss von Juden aus dem Krankenhaus freute, in dem seine Frau arbeitete, wovon er sich Karrieremöglichkeiten für sie erhoffte, nicht vom Wissenschaftler zu trennen ist, sieht der Rezensent nicht zuletzt durch die Studie als erwiesen an. Denn die gesamte Person, findet er, ist durch eine "aufgeräumte Hemdsärmeligkeit" geprägt, die sich später mit dem Hinweis, es sei ja "nicht bös gemeint" gewesen, aus der politischen Verantwortung zu stehlen versucht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.11.2001
Diesen "jüngsten Versuch, sich einen Reim auf die geistige Hinterlassenschaft von Konrad Lorenz zu machen," hält Veronika Hofer vom methodischen Ansatz her für "problematisch, weil zahnlos". Der soziologische, einen ideengeschichtlichen Zugriff ausklammernde Ansatz der Autoren vermeidet ganz offenbar genau jene ideologiekritische Überschreitung von "mittlerweile standardisierten Selbstverständlichkeiten im Umgang mit Wissenschaftskarrieren im Nationalsozialismus," die das Material, die im Band präsentierten Quellen, für Hofer provozieren. Lorenz zum prototypischen Österreicher zu machen, ist der Rezensentin einfach viel zu p.c. Auf die im Vorwort des Bandes angekündigte "gründliche Auseinandersetzung" mit dem Thema muss sie also noch warten.
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