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E.M. Cioran
Cahiers 1957 - 1972
Klappentext
Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Verena von der Heyden-Rynsch. Lange Zeit hatte Cioran, rumänisch-französischer Aphoristiker "auf den Gipfeln der Verzweiflung", ein stets geschlossenes Heft auf seinem Tisch liegen. Nach seinem Tod 1995 fanden sich vierunddreißig dieser Hefte. Die Umschläge unterschieden sich einzig durch Nummer und Datum. Fünfzehn Jahre hindurch hat stets eines dieser Hefte griffbereit auf Ciorans Schreibtisch gelegen, es schien immer das gleiche zu sein. Die "Cahiers" haben nichts von einem Tagebuch. Eher handelt es sich um Skizzen, Entwürfe. Simone Boue, Ciorans Lebensgefährtin, hat die Eintragungen abgeschrieben, teilweise gekürzt und 1997 veröffentlicht. Verena von der Heyden-Rynsch hat eine Auswahl aus diesen Aufzeichnungen getroffen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.04.2002
Rezensent Martin Mayer zeigt sich recht beeindruckt von den jetzt auf deutsch in "vorzüglicher Übersetzung" vorliegenden Notizen und Aufzeichnungen des rumänischen Schriftstellers E. M. Cioran aus den Jahren 1957 bis 1972. Bedauerlich findet Meyer dabei allerdings, dass die Auswahl von Ciorans "Cahiers 1957-1972" nur einen Bruchteil der 1997 - zwei Jahre nach Tod des Schriftstellers - veröffentlichten französischen Originalausgabe ausmacht, was gelegentlich den Eindruck von "letzten Worten" und "widersprüchlichen Wahrheiten" verstärkt. Der Rezensent kennt Cioran als brillanten Stilisten, der die Qualen der Existenz anscheinend mühelos ins Ästhetische verwandeln konnte, als Spezialitäten des "verschärfenden Worts", dem es um ein komprimiertes Denken zur vorwiegend "unhäuslichen Erkenntnis" ging. So überrascht es den Rezensenten auch nicht, in den "Cahiers" keine persönlichen Enthüllungen zu finden, die nicht im Gestus sorgfältigst gefilterter Bekenntnis vorgetragen wären - die Hauptthemen sind ohnehin Kultur, Arbeit am Wort und Psychologie. Dabei dominiert laut Mayer selbst in den wiederkehrenden Exkursen über Schmerz und Suizid der "reflektierende, verbissen gesteigerte Zorn". Daneben findet der Rezensent aber auch immer wieder "eindrucksvolle" Berichte von Selbstvergessenheit. Insgesamt zeichnet Mayer das Bild einer komplizierten, widersprüchlichen Persönlichkeit: "Halb Hagestolz, halb Kind" bringt Cioran mit der Hellsichtigkeit des Depressiven die Leiden an sich selbst und an der Welt in einer vibrierenden und musikalischen Sprache auf den Punkt. Mit einem Wort: "Leiden plus Virtuosität".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.02.2002
Die aus dem Nachlass herausgegebenen Tagebücher nimmt Hans Jürgen Heinrichs zum Anlass, den größten Denker des Scheiterns als "Sprachrohr und Diener des Erleidbaren" noch einmal umfassend zu würdigen. Seine Obsessionen - der Tod an erster Stelle -, aber auch seine "schlackenlose Poesie", seine "metaphysische Schärfe" findet der Rezensent in den 34 Heften, die zwischen 1957 und 1972 entstanden, wieder. Eigentlich, so Ciorans Anordnung, sollten sie nach seinem Tod vernichtet werden, für die Nachwelt säuberlich sortiert hat er sie dennoch. Die Bände sind, meint Heinrichs, wunderbare Lektüre für "Gescheiterte und Schlaflose" und schon Cioran stellte fest, dass er für Selbstmörder eine tröstliche Lektüre sei. Cioran selbst hat in den Tagbüchern fürs eigene Werk jedoch nichts als böse Worte. Dass er sich in seinen frühen Rechtsradikalismen nicht mehr wiedererkennt (er sei "verrückter als jeder andere" gewesen, meint er dazu), versteht man noch, aber auch die von der Kritik gepriesenen Texte findet er nun "kotzlangweilig, voller Wiederholungen, schwerfällig". Das sieht Hans Jürgen Heinrichs entschieden anders: die Cahiers wie seine anderen Schriften bereiten ihm "einzigartiges Lesevergnügen", er ist geradezu berauscht von ihrer "ungebremsten Leidenschaft". Ja, Cioran sei an die Grenzen der Sprache gelangt: "Literatur nähert sich dem Schrei."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001
Nach Meinung des Rezensenten Hans-Peter Kunisch hätten die tagebuchartigen Aufzeichnungen des rumänischen Philosophen eine durchaus faszinierende Lektüre sein können. "Ciorans erratische Sätze, oft im Rohzustand, noch nicht gefeilt, aus einem Leben heraus erzählt, das hier zum 17 Jahre umfassenden Roman aus Bemerkungen wird", schreibt Kunisch. Doch die Edition von V. von der Heyden-Rynsch leide an ihrem verkrampften Umgang mit Ciorans Geschichte, der in seinen jungen Jahren ein glühender Anhänger des rumänischen Faschismus' war. Alle inkriminierenden Passagen seien - im Unterschied zur französische Originalausgabe (mit 999 Seiten) - in der deutschen Ausgabe (mit nur noch 270 Seiten) einfach unter den Tisch gefallen. Zudem fehle jeglicher weiterführende Textkommentar, moniert Kunisch: "Man wird den Skeptiker Cioran nie verstehen, wenn man den Jugendwahn nicht mit ihm als Teil seines Lebenswerks begreift."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001
Wolf Lepenies hält E.M. Ciorans "Maximen und Gedankensplitter" für eine "ermüdende Dauerdepression" eines "Literatur-Masochisten". Die zwischen 1957 und 1972 in Paris verfassten und nun ins Deutsche übersetzten Reflexionen seien durchgängig von Morbidität und Nihilismus bestimmt. Lepenies rechnet den 1995 verstorbenen Autor zu den "trübsinnigsten Menschen des 20. Jahrhunderts". Die kritischen Worte klingen jedoch ein bisschen nach Abwehrzauber. Bei aller Abneigung, sich auf Ciorans "schwarzgallige Verzweiflung" einzulassen, klingt in Lepenies Kritik auch eine gewisse Faszination durch für diesen unglücklichen und unmöglichen Rumänen, der "bedauert, kein Jude zu sein, weil ihm damit besondere Leidensmöglichkeiten versperrt bleiben." Auch Sympathie klingt an, etwa wenn Lepenies Ciorans Kampf mit der französischen Sprache beschreibt. In offene Bewunderung gar schlägt die Ablehnung um, wenn der Rezensent Ciorans Sinn für groteske Beobachtungen aus dem Pariser Alltagsleben würdigt und zum Beleg einige wunderbare Beispiele zitiert. Plötzlich entdeckt unser Rezensent, dass auch in den "oberen Etagen" der Maximen Ciorans Sinn fürs Lächerliche zu entdecken ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001
1995, unmittelbar nach Ciorans Tod, wurde ein großer Skandal um die - in Wahrheit längst bekannte und von ihm nie geleugnete - Verstrickung des Philosophen in den rumänischen Faschismus gemacht. Die "wirkliche Sensation" in diesem Jahr, so Jürg Altwegg, war hingegen der Fund der nun in deutscher Sprache in Auswahl übersetzten Texte in vierunddreißig Heften, die Cioran zwischen 1957 und 1972 geschrieben hatte. Alle Themen - vom "Abscheu vor der Ehe" zum "Ekel vor der Geburt" - sind, wie Altwegg betont, aus den veröffentlichten Werken wohl vertraut, tauchen nun jedoch, die Thesen von der Selbst-Stilisierung Ciorans widerlegend, als "alltägliche Obsessionen" wieder auf. Bezüge zur Tagesaktualität gibt es dagegen kaum, dafür "haufenweise Aphorismen", die nach Meinung des Rezensenten hinter den bisher veröffentlichten nicht zurückstehen. Diese Tatsache lässt ihn auch nach einer zukünftig vollständigen Übersetzung der Cahiers rufen. Der Leser, glaubt Altwegg, "wird auch noch die hundertste Schilderung einer schlaflosen Nacht nicht missen wollen".
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