Bücherschau der Woche
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Klappentext
Die philosophische Beschäftigung mit Kunst konzentrierte sich in den vergangenen Jahren ganz auf deren Objekte: Leser, Hörer und Betrachter gerieten dabei aus dem Blick. In seinen Berliner Simmel-Vorlesungen demonstriert Dieter Henrich, dass jede qualifizierte Auseinandersetzung mit Kunst immer auch die Auseinandersetzung mit den Subjekten verlangt, die Kunst hervorbringen oder wahrnehmen. Aus der Perspektive dieses Spannungsfeldes analysiert er die Situation der zeitgenössischen Kunst und entwickelt Hypothesen über deren weitere Entwicklung.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2002
Auf die simpel scheinende Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Leben formuliert Dieter Henrich, der Philosoph in der Nachfolge des deutschen Idealismus, eine, so der Rezensent Christoph Menke (selbst einer der wichtigsten deutschen Philosophen), ebenso "subtile" wie "differenzierte" Antwort. Zustimmen wird Menke letztlich nicht, zuvor aber geht er der Argumentation in einer sehr umfangreichen Rezension bis ins Detail nach. Die Schlüsselbegriffe in Henrichs Konstellierung von Kunst und Leben sind die der "Differenz" zwischen beiden, auf deren Notwendigkeit es hinzuweisen gilt, und der "Resonanz", die dennoch zwischen dem Leben und der Kunst herrscht. Die Resonanz ist für Henrich eine Art struktureller Gleichklang: das Leben als Form von "Selbstbewusstsein" des Subjekts (darin steckt das idealistische Erbe) erfährt in der Kunst seine Spiegelung in einer formalen Entsprechung. Die Kunst nämlich ist wie das Leben "eine Abfolge von Anheben, Gang der Durchbildung und Abschluss in der Resumption zu einem Ganzen". Für die Moderne ist Henrich bereit, den Anspruch der Totalität zu streichen, nicht aber das Prinzip. Das hieße freilich: "Kunstwerke sind unterkomplex", die Ganzheit gibt's nur noch im Leben, nicht mehr in der Kunst. Menke sieht jedoch gerade im Bezug der modernen Kunst zum dem Subjekt gerade nicht Bewussten ihre Stärke, eine vom Leben gar nicht einzuholende radikale "Überschreitung von Selbstbewusstsein". Statt auf die "Resonanz" von Kunst und Leben zu setzen, plädiert Menke daher für die tragische Variante, die eine Konkurrenz, einen "Streit" zwischen beiden postuliert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.12.2001
Rüdiger Suchsland schätzt den im Kern auf eine Vorlesungsreihe von 1998 zurückgehenden Band nicht nur als "konzentriertes Resümee von Henrichs Gesamtwerk", sondern auch wegen so mancher Einzelbeobachtung, mit der der Autor die Auswirkungen der Kunst auf die Lebensführung erläutert. Ein Hauptproblem des Textes besteht für den Rezensenten allerdings darin, dass Henrichs Beispiele oft hinter seiner theoretischen Aktualität zurückbleiben. Athen oder die Kaiserburg von Nürnberg, Beckett und Magritte, meint Suchsland - das ist eben doch alles verdammt lang her. Und wenn die neuen Medien in dieser Untersuchung praktisch überhaupt keine Rolle spielen, fragt sich der Rezensent schon, ob das erlaubt ist: "Kann man heute noch über Kunst schreiben wie vor 120 Jahren?" Die Befürchtung ist: Nein, man kann, man darf nicht. "Das tut einem leid, weil Henrich generell keinesfalls ein bornierter oder auch nur inaktueller Denker ist." Er hat eben einfach nur die falschen Beispiele gewählt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001
Zum Thema der Diskussion neuerer Subjektheorien befasst Hauke Brunkhorst sich mit den Beiträgen von Judith Butler, "Psyche der Macht", und Dieter Henrich, "Versuch über Kunst und Leben". Gegen alle widrigen postmodernen und dekonstruktiven Zeitumstände unternimmt Dieter Henrich laut Brunkhorst den Versuch einer idealistischen Neuformulierung des Subjektbegriffs - allerdings in einer, das räumt der Rezensent gleich ein, abgespeckten Variante. Henrichs Subjekt ist, darin unterscheidet es sich von anderen neueren Subjektheorien erst einmal nicht, "höchst fragil, mit sich überworfen, unversöhnt, zerstörbar". Auch die Kunst kann keine Ganzheit mehr herstellen, ihre "Vergegenwärtigungen" von Subjektivität bleiben partiell. Dennoch gibt es, nach Henrich, etwas, das all diesen Verlusterfahrungen, wie überhaupt jeder Erfahrung, voraus liegt: die so unverfügbare wie unwiderlegbare "Gewissheit seiner Subjektivität", die den Einzelnen zu "immer wieder neuen Integrationsleistungen" anspornt. Brunkhorst geht zunächst nicht weit über das - in jedem Fall respektvolle - Referat von Henrichs Gedanken hinaus, im Arrangement der besprochenen Bücher wird jedoch klar, dass er diesen Versuch zur Rettung des Idealismus für ein sehr ernst zu nehmendes Konkurrenzangebot zu Butlers Subjektbegriff diskursanalytischer Prägung hält.
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