Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.03.2001
Man könne Uli Beckers formale Vorgabe des japanischen Haiku im 5/7/5er-Schema am ehesten mit den Selbstdisziplinierungsversuchen der Oulipo-Dichter vergleichen, meint Manfred Papst. Man sollte sie also als reine Spielanordnung betrachten und den philosophischen Hintergrund dazu weglassen. Anders als manche Kollegen, die sich ebenfalls im Nachdichten von Haikus versucht haben, gehe Beckers Kurzgedichten das Weihevolle ab - sie hätten stattdessen Tiefsinn und Banales getankt. Mal bauten die beiden ersten Zeilen eine Spannung auf, die sich in der dritten entlädt, mal bilden alle drei ein "zerstiebendes Denkbildchen", beschreibt Papst Beckers Gedichte, oder er paraphrasiere bekannte Vorlagen. Nur selten ginge der Wortwitz mit dem Dichter durch; meist schaffe er "die Kurve des Erkenntnisgewinns". Schade nur, bedauert der Rezensent, dass der Verlag die hübschen Gedichte mit so plumpen Zeichnungen illustriert habe, die keinerlei Zusammenhang mit dem Text aufwiesen.
Dietrich zur Nedden zeigt uns in seiner Rezension zweier Gedichtbände von Uli Becker, was ein Haiku ist und vor allem, worin sich beim Verfassen eines japanischen Dreizeilers der Amateur von dem Meister Uli Becker unterscheidet.
1) Uli Becker: "Dr. Dolittles Dolcefarniente"
Der Rezensent erkennt zwar messerscharf, dass der Gedichtband von Uli Becker Haikus (dreizeilig!) verspricht, aber eigentlich Senryus oder "schlicht Siebzehnzeiler, wie Becker in einem instruktiven Nachwort seine filigranen Gebilde bevorzugt nennt", enthält. Begeistert ist er aber von der hohen Kunst des Meisters allemal und empfiehlt dem, "der auf den Geschmack gekommen ist" sogleich einen weiteren Band.
2) Uli Becker u.a.: "Licht verborgen im Dunkel - Ein Renshi Kettengedicht"
Wo in westlichen Gefilden von Sängerwettstreit die Rede ist, kommen in Japan Dichter zusammen, um gemeinsam ein vierziggliedriges Kettengedicht, "eben ein Renshi", zu verfassen. Der Rezensent ist von dem interkulturellen Gedichtdialog zwischen Uli Becker, Durs Grünbein, Makato Ooka, Junko Takahashi und Shuntaro Tanikawa sehr angetan und findet in dem assoziativen Spiel ein "farbenreiches Gebilde" vor, das ihm mit unerwarteten "Verbindungen zwischen Lebens- und Gedankenwelten" großes Vergnügen bereitet.
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