"Ich dichte nie", herausgegeben von Renate Bleibtreu, zeigt: Strindberg ist der wohl vielseitigste Schriftsteller der Moderne. Er war Journalist und Schriftsteller. Er forschte auf fast allen Gebieten der Naturwissenschaft, trat als Religions- und Gesellschaftskritiker auf, entdeckte als Maler und Fotograf neue Ausdrucks- und Darstellungsformen. Als Psychologe, Ethnologe, Historiker, Anhänger okkultistischer Lehren und Schwarzkünstler suchte Strindberg nach neuen Wegen der Erkenntnis. Neben dem berühmten (und vollständig abgedruckten) Roman "Inferno" finden sich Strindbergs bemerkenswerteste Erzählungen und z.T. hochkomische Abhandlungen, eine Auswahl aus seinen Aufzeichnungen als Forscher (aus dem "Okkulten Tagebuch" und dem auf eine Anregung Goethes zurückgehenden "Blaubuch"), eine Zusammenstellung seiner Briefe, Artikel und Aufsätze sowie Stimmen von Zeitgenossen über Strindberg, dazu Faksimiles und Porträtfotos. Ein sehr persönlicher Text von Peter Weiss eröffnet den umfangreichen Band. In seinem für diesen Band geschriebenen Nachwort würdigt der schwedische Schauspieler Erland Josephson ("Szenen einer Ehe") den bis heute vielgespielten Dramatiker Strindberg. Sämtliche Texte erscheinen in neuen oder überarbeiteten Übersetzungen - am spektakulärsten ist hierbei wohl die umfangreiche Auswahl aus der erst vor kurzem entdeckten Sammlung von Notizen, Entwürfen und Kurz- und Kürzesterzählungen des "Grünen Sacks".
In einer recht ausführlichen Rezension zeigt sich Dorothea Dieckmann äußerst begeistert von dem Facettenreichtum und der Widersprüchlichkeit Strindbergs, und so hofft sie, dass diese Edition der Neugier möglichst vieler Leser auf die Sprünge hilft. Die Mischung zwischen "okkult-religiöser Erweckungswut und ironischer Präzision, Pathos und Witz, Harmonie und Groteske, naiv-utopischer Geste und surrealer Provokation" in Strindbergs Texten übt eine deutlich spürbare Faszination auf die Rezensentin aus. Weniger glücklich ist sie jedoch mit der Edition selbst, die sie nicht nur "unschön ediert, sondern auch undurchsichtig angelegt und krude kommentiert" findet. Die Anmerkungen sind ihrer Ansicht nach einfach aus einem Lexikon abgeschrieben worden und bieten keinen ausreichenden Blick auf "biografische und historische Kontexte". Außerdem hat die Rezensentin den Eindruck, dass Strindberg durch die Auswahl der Texte "vom Ruch des Frauenfeindes" entlastet werden solle.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999
Heinrich Detering ist begeistert von der Überfülle und Vielfalt des Strindbergschen Talents, das der Band in einem breiten Queschnitt präsentiert, zumal nur wenige der hier vorliegenden Texte „alte Bekannte“ seien. Man lerne Strindberg als „hinreißenden“ Erzähler, der sich an Andersen orientiere, aber auch als Polemiker, Satiriker und Briefeschreiber kennen. Besonders lobt Detering, dass die „Tschandala“-Erzählung einer unverdienten Vergessenheit entrissen werde. Auch die „berüchtigte Polemik“ des bekennenden Frauenhassers gegen Ibsens „Puppenheim“ fesselt Detering. In Strindbergs Attacken stecke mehr „emanzipatorische Radikalität“ als in den frauenfreundlichen Botschaften seines Widersachers. Kurz: Es mag schwierig sein, Strindberg zu mögen, so Detering, "aber lieben muss man ihn“.
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