Gasriecher, Klöpplerin, Feilenhauer oder Senfmüller Berufe, die heute kaum mehr jemand kennt, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine ungewöhnlichen Betätigungsfelder. In der explosionsartig wachsenden Großstadt musste bald jeder und jede einer Erwerbsarbeit nachgehen, um sein Überleben und das der Familie zu sichern. Mit der rasanten Industrialisierung entstanden mannigfaltige Berufsbilder in den Fabriken, aber auch in den Büros und den Villen und Etagenwohnungen der Oberschicht, die mit der nächsten technischen Revolution, durch Rationalisierung oder aber durch den Zweiten Weltkrieg und schließlich als Folge des Mauerbaus wieder verschwanden. Man denke nur an die Telefonistinnen in den Postämtern, das Heer der Fabrikarbeiter bei Siemens & Halske, Borsig, der AEG oder Osram und Agfa, an die vielen Mädchen vom Lande, die als Dienstbotinnen in Stellung waren, an den riesigen Fuhrpark der Meierei Bolle oder die Vielfalt der Tätigkeiten in der Nahrungsmittelproduktion bei Essig-Kühne oder der Schultheiss-Brauerei. Sie alle trugen zum Funktionieren der modernen Welt bei.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.12.2008
Harry Nutt hat mit viel Interesse den von Sarah Jost und Gabriela Wachter herausgegebenen Bildband durchblättert, für den die beiden Herausgeberinnen Fotos aus Berliner Sammlungen und Archiven von heute verschwundenen Berufen zusammengetragen haben. Mit dem Seilmacher, dem Besenbinder oder Schirmmacher entsteht das Panorama einer "selbstbewussten Beruflichkeit", stellt der Rezensent gefesselt fest, der in dem Band eine Fortsetzung des von Rudi Palla schon in den 90er Jahren vorgelegten "Thesaurus der untergegangenen Berufe" mit fotografischen Mitteln sieht.
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