Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Leonid Dobycin (1894-1936) gehört zu den großen Autoren jener lange verfemten Avantgarde, die erst nach dem Ende der Sowjetherrschaft allmählich wieder ins Bewusstsein rückt. Er ist bekannt für seinen knappen, auf das Wesentliche reduzierten Stil. Die Erzählung spielt vor dem Hintergrund der wachsenden nationalen und konfessionellen Spannungen im Baltikum unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Riga, seit 1729 Hauptstadt des russischen Gouvernements Livland, war zu 46 Prozent von Baltendeutschen, zu 25 Prozent von Russen und zu 23 Prozent von Letten bewohnt; der Konfession nach: 64 Prozent Protestanten und Katholiken, 18 Prozent Russisch-Orthodoxen, 12 Prozent jüdischen Glaubens. Ähnlich waren die Verhältnisse in der Stadt Dünaburg, ab 1893 Dvinsk, wo jedoch der polnische Bevölkerungsanteil beträchtlich war: ehemals polnisch-litauisch, kam die Stadt mit der ersten Teilung Polens 1772 an Russland. Wie schon in dem Roman "Im Gouvernement S." (1996 als Winterbuch bei der Friedenauer Presse erschienen) zeichnet Dobycin mit sparsamsten Mitteln Personen, Orte und Landschaften, indem er Alltagsszenen, Dialoge, knappe Naturbilder aneinander montiert. Darin wird, ohne jede Erklärung und Stellungnahme, die wachsende Spannung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen greifbar, hier zwischen russisch-orthodoxem Kleinbürgertum und polnisch-katholischem Adel. Einen kaum merklichen Kontrapunkt bildet die Natur in ihrer beiläufigen Wiederholung: Die Erzählung umfasst einen vollen Jahreszeitenzyklus - Sommer, Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer bis zum 1. August 1914, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Russland. In Dobycins Erzählung reduziert auf den Satz "Der Krieg ist erklärt", eingerahmt vom Tod eines Hündchens und dem Flußbad einer Sommerfrischlerin, die von der Nachricht überrascht wird. In so lakonisch-eindringlicher Form ist der Ausbruch des Ersten Weltkriegs literarisch bisher kaum dargestellt worden.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2008
Freudig begrüßt Ilma Rakusa die deutsche Übersetzung von Leonid Dobytschins Erzählung "Evdokija", die ein Sittengemälde der russischen Gesellschaft entwirft. Der Autor, der sich als Künstler verkannt fühlte und sich 1936 das Leben nahm, gilt ihr als "berühmtester Geheimtipp" der russischen Literatur. Daher ist sie dem Übersetzer und Herausgeber Peter Urban überaus dankbar für seinen engagierten Einsatz für Dobytschin. Dessen in der baltischen Provinzstadt Dwinsk spielende Erzählung betrachtet sie als "kleines Meisterwerk". Sie lobt Dobytschins Lakonik, seine prägnanten Momentaufnahmen und vor allem seine raffinierten, an Tschechow erinnernden Dialoge. Als "kunstvoll, schlicht, auf vertrackte Weise modern" beschreibt sie den Erzählstil des Schriftstellers, der den Leser mit einer Welt konfrontiert, die "mosaikhaft, unübersichtlich und letztlich rätselhaft" sei.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2008
Gustav Seibt ist fasziniert von Leonid Dobycins "jugendstilhaft-symbolischer" Erzählung "Evdokija", mit der ein Stück Prosa russischer Avantgarde am Ende der Zarenzeit ins Deutsche übersetzt wurde. Zum Schauplatz der Erzählung wird die Gesellschaft einer Kleinstadt im baltisch-deutsch-russischen Gebiet ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg. Die Meisterschaft Dobycins liegt nach Seibt in der extrem knappen Erzählweise: "Kurzszenen liegen wie Mosaiksplitter in lyrisch glühenden ländlichen Impressionen". Die Erzählung sei fast als Gedicht zu lesen. Seibt erwähnt auch den detaillierten Kommentar des Übersetzers und Herausgebers Peter Urban.
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