Mit einem Vorwort von Dan Diner. Toldot. Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur, Band 3. In der Alltagssprache verweist "Luft" auf das Unsichtbare, Unstete, Irreal-Phantastische. Historisch fand die Vorstellung vom "Luftmenschen" in einem überraschend breiten, wenig erforschten Diskurs um 1900 Resonanz. Vor allem die Wahrnehmung jüdischer Existenz in der Moderne wurde derart bebildert. Dafür schien die diasporische Lebensrealität der Juden ebenso zu sprechen wie die notorisch kritisierte soziale Verortung, bestimmte Berufsmuster oder andere als "typisch jüdisch" wahrgenommene Gemeinsamkeiten. Aber auch ganz allgemeine Phänomene der Zeit wie Migration und Verstädterung wurden mit der Metapher vom "Luftmenschen" kritisch von vermeintlich natürlicher Verwurzelung abgerückt. Nicolas Bergs Geschichtsessay über Entstehung und Bedeutungswandel der Metapher Luftmensch geht diesen Zusammenhängen von symbolischer Rede und essentialistisch interpretierter Realität in ganz unterschiedlichen Kontexten nach. Anhand von Beispielen aus Theologie, Philosophie, Ökonomie, Wissenschaft und Literatur wird deutlich, wie sich die Kennzeichnung jüdischer Existenz als "Luftvolk" von der Selbstironie ihrer Begriffsursprünge löste, immer stärker in das Arsenal antisemitischer Polemik einwanderte und schließlich zu einer Begründungsfigur der gegen Juden gerichteten Politik um "Lebensraum" werden konnte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2009
Nicolas Bergs These vom Luftmenschen-Diskurs erscheint Daniel Jütte zunächst kühn. Wie der Autor daraus eine Epochensignatur des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelt, überzeugt ihn allerdings. So detailliert, wie Berg die antisemitische Begriffsinstrumentalisierung mittels einer Fülle von Material und "methodisch scharfer" Analyse herausarbeitet, wurden Jütte die Voraussetzungen für die Nazi-Politik nach 1933 bislang noch nicht vor Augen geführt. Sein Einwand, die Vorstellung vom jüdischen Luftmenschen reiche weiter zurück (bis vor 1850), als Berg annehme, erscheint da als ganz kleines Wermutströpfchen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.10.2008
Nicolas Bergs höchst instruktive Studie über die Metapher des jüdischen "Luftmenschen" hat Lothar Müller tief beeindruckt. Er attestiert dem Autor, die Geschichte dieses heute kaum noch bekannten Ausdrucks vom 19. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus zu erzählen: Ursprünglich eine literarische Figur wurde der Luftmensch zunächst zum Symbol jüdischer Selbstdeutung und schließlich zu einer für die angebliche Wurzellosigkeit und Geldwirtschaft der Juden stehenden Hauptfigur im antisemitischen Diskurs. Als "beklemmend" erscheint Müller, dass Berg nicht nur die Geschichte einer Metapher, sondern auch die ihrer Realisierung erzählt, ging der Luftmensch doch im Zuge der nationalsozialistischen Judenvernichtung schließlich buchstäblich in Luft auf. In diesem Zusammenhang erinnert Müller auch an Paul Celans Wort vom "Grab in der Luft".
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