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Klappentext
An einem ihrer letzten Berliner Tage besteigt Gertrud Kolmar im Morgengrauen die Siegessäule, um zu springen, um Schluss zu machen, selbstbestimmt, wenn auch nicht aus freien Stücken - bevor sie von der Fabrikarbeit weggeholt und ins Vernichtungslager transportiert wird. Schließlich steigt sie wieder herunter. Sie hat beschlossen, durchzuhalten bis zum letzten Augenblick, und sei es nur, "um ein Dreck zu werden unter euren Stiefeln, Mörderbande, der euch noch tausend Jahr lang an den Sohlen kleben soll". Ist es riskant, der jüdisch-deutschen Dichterin Gertrud Kolmar (1894-1943) ein Bekenntnis zum Leben, einen ganz individuell, ganz als Dichterin formulierten Durchhaltewillen in extremis in den Mund zu legen, der sie ergreifend stark macht und einsam? "Die Frau und die Stadt" wirkt überzeugend, weil die Haltung, die Reinshagens Kolmar sich abringt, verbunden ist mit Illusionslosigkeit, einem scharfen Blick auf Umgebung und eigene Person, ihr Leben, ihre Beweggründe, auf das, was ihr bevorsteht.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.04.2008
Jean-Michel Berg liest den Text als "fiktiven Monolog" der Dichterin Gertrud Kolmar aus ihren letzten Lebensjahren. Allerdings möchte Berg von "Leben" lieber gar nicht sprechen, derart geprägt von Klage erscheinen ihm die von Gerlind Reinshagen verfassten freirhythmischen Verse. Dass Reinshagen bei ihrem Versuch der Annäherung an die Dichterin nicht deren "bisweilen pathetischen" Stil übernimmt, findet Berg ihrem Vorhaben angemessen, nicht das lyrische, sondern das private Ich Kolmars zu thematisieren. Die in diesem Buch vorherrschenden "stillen Töne" verdichten sich im Ohr des Rezensenten manchmal zu Augenblicken "höchster Beklemmung".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.01.2008
Beatrice von Matt ist beeindruckt von Gerlind Reinshagens Versuch, sich der 1943 von den Nazis ermordeten Gertrud Kolmar über einen fiktiven Monolog zu nähern, den sie der bedeutenden jüdischen Lyrikerin in den Mund legt. Das Ergebnis scheint ihr "erstaunlich", sie würdigt es als ein "überzeugendes Stück Literatur". Reinshagen gelingt es ihres Erachtens, die Stimme der Dichterin zum Leben zu erwecken und die Kontur ihrer Persönlichkeit eindringlich vor Augen zu führen. Sie greife hierfür vor allem auf Kolmars Briefe an ihre Schwester zurück, die sie zwar nicht zitiere, aber deren Stil sie gekonnt nachahme. Für Matt bleiben die Dokumente gleichwohl spürbar, auch wenn die Inhalte "verdichtet und weitergedacht" würden. Das Resultat scheint ihr meist sehr authentisch. Nur in einem Punkt schießt die Autorin in Matts Augen über das Ziel hinaus, kannte Kolmar doch die jugendliche Berlinbegeisterung nicht, die ihr hier angedichtet wird.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2007
Walter Hinck sieht und hört den Text schon auf der Bühne, gespielt von einer großen Schauspielerin. Allerdings beeindruckt ihn Gerlind Reinshagens Hommage an Gerdrud Kolmar auch als Lektüre. Hinck entdeckt das Zusammenlaufen der "Form- und Motivreihen", wie monologisches Sprechen oder die Stadt Berlin als Heimat, und staunt über die geschickte Verquickung von Details aus Kolmars Leben mit der dichterischen Fiktion. Entstanden ist für den Rezensenten ein "episch-dramatisches" Werk, das ihn durch seine assoziative Kraft, das Hin und Her von Erinnerung und Handlung und das "Störfeuer der Synkopen" zu begeistern vermag. Gertrud Kolmar begegnet ihm hier als "exemplarische Gestalt". Reinshagens Respekt für die Dichterin aber erscheint ihm im Text gleichfalls allgegenwärtig.
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