In der ersten Szene in Rolf Hochhuths Doku-Drama "Der Stellvertreter" sucht der SS-Offizier Kurt Gerstein den päpstlichen Nuntius Cesare Orsenigo in Berlin auf, um ihn darüber zu informieren, dass "täglich mehr als zehntausend Juden ermordet, vergast" werden. Der Versuch misslingt. Nach dem Krieg schreibt er im sog. "Gerstein-Bericht" seine Erinnerungen aus der Zentrale des Massenmords nieder. Am 25. Juli 1945 wird er in seiner Gefängniszelle in Paris tot aufgefunden. Wer war dieser Mann, was hat ihn angetrieben? Bis heute bleiben trotz vieler Erklärungsversuche einige Rätsel ungelöst. Der Journalist Dieter Gräbner und der Historiker Stefan Weszkalnys haben Dokumente und Literatur studiert, sind neuen Fährten gefolgt. Sie haben mit Zeitzeugen gesprochen, die Gerstein noch kannten, sind Familiengeschichten nachgegangen und haben in verschiedenen Archiven speziell die saarländischen Jahre Gersteins unter die Lupe genommen, um dem Psychogramm neue Seiten hinzufügen zu können. Der Band dokumentiert zahlreiche Quellen zum ersten Mal. Viele Abbildungen, ein ausführlicher Lebenslauf und der "Gerstein-Bericht" im Original vervollständigen die lebendige Erzählung eines umstrittenen Lebens.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.09.2007
Berührt zeigt sich Rezensentin Ursula Frey von Dieter Gräbners und Stefan Weszkalnys Buch über den lange verkannten NS-Widerstandskämpfer Kurt Gerstein. Ausführlich berichtet sie über das widersprüchliche Leben des Bergbauingeneurs, der sich stark in der Jugendarbeit der evangelischen Kirche engagierte, das Nazi-Regime wiederholt öffentlich kritisierte, dafür im KZ Welzheim interniert wurde, aber nach seiner Entlassung dennoch der Waffen SS beitrat und dort zügig die Karriereleiter aufstieg. Dabei habe Gerstein immer wieder Mächtige auf den sich vor seinen Augen abspielenden Völkermord aufmerksam gemacht. Frey nennt unter anderem Kontakte nach Schweden, im Vatikan und zum holländischen Widerstand. Das Buch empfindet sie als sehr "intensiv", derart, dass man nach der Lektüre erst einmal einen gewissen Abstand gewinnen müsse. Gleichwohl scheint es ihr für die schwierige Thematik fast ein wenig zu routiniert geschrieben.
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