Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Als der 19jährige Murat Kurnaz, in Bremen geboren und aufgewachsen, Anfang Oktober 2001 nach Pakistan reist, um eine Koranschule zu besuchen, ahnt er nicht, welches Martyrium ihn erwartet - und dass er seine Familie viereinhalb Jahre nicht wiedersehen wird. Bei einer Sicherheitskontrolle wird er wenige Wochen nach seiner Ankunft festgenommen und von der pakistanischen Polizei gegen 3000 Dollar Kopfgeld an die US-Streitkräfte verkauft. Er wird ins afghanische Kandahar gebracht, dort gefoltert, und kurz darauf ins Häftlingslager Guantanamo geflogen. Bald finden die Amerikaner heraus, dass der junge Türke aus Bremen unschuldig ist - dennoch muss Murat Kurnaz mehr als 1600 Tage die Hölle von Guantanamo ertragen: Verhöre, Folter, Isolationshaft, Käfighaltung, viereinhalb Jahre fast ohne Schlaf.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2007
Etwas zwiespältig wirkt Murat Kurnaz' Bericht über seine Gefangenschaft in Guantanamo auf Rezensent Peter Carstens. Im Blick auf die Vorgeschichte der Inhaftierung des jungen Türken aus Bremen bleiben für ihn Fragen offen. Die "muslimische Version der Saulus-Paulus-Geschichte", die Wandlung vom Disco-Türsteher zum strenggläubigen Muslim, der sich drei Wochen nach dem 11. September unter konspirativen Umständen nach Pakistan aufmacht, um sich dort den letzten Schliff als frommer Ehemann zu holen, überzeugt ihn nicht so wirklich. Nichtsdestoweniger zeigt er sich erschüttert von Kurnaz' Schilderung seiner Haft in Guantanamo, die er als eine ununterbrochenen Folge von Verhören, Prügel, Folter und Schlaflosigkeit beschreibe, was Carstens stark an die Geschehnisse in Abu Ghraib erinnert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.04.2007
Ein wichtiges Dokument sieht Agnes Steinbauer in Murat Kurnaz' Bericht über seine Gefangenschaft in pakistanischen Gefängnissen und dann in Guantanamo, der einen "oft schwer erträglichen Einblick in die Hölle" gibt. An der Glaubwürdigkeit der Schilderungen über die Zustände in Guantanamo, über brutale Verhörmethoden, Folter und sadistische Wärter hat sie keine Zweifel. Allerdings bleiben in anderer Hinsicht für sie Fragen offen, etwa die Motive des damals 19-jährigen Deutsch-Türken, zwei Wochen nach dem 11. September 2001 nach Pakistan zu reisen - in Begleitung von Mitgliedern einer Gruppe, die Verbindungen zu al-Qaida unterhält. Steinbauer hebt besonders den "sachlichen Ton" hervor, den Kurnaz und sein Coautor Helmut Kuhn anschlagen. So ist in ihren Augen ein "leises, zurückhaltendes" Buch entstanden, trotz des "schwerwiegenden" Inhalts. Nicht nur als Schilderung eines Einzelschicksals hält sie das Buch für "unbedingt lesenswert", sondern auch als Bericht, der die Verstöße der USA gegen die Genfer Konventionen und das Völkerrecht dokumentiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.04.2007
Das "beeindruckende wie bedrückende" Buch sähe Eckhard Stengel gerne als Pflichtlektüre für unseren Außenminister. Wenn auch "alles längst bekannt" sei, wie er schreibt, so findet er die "detaillierten Schilderungen" des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz keinesfalls überflüssig. Was hinter dem Wort "Folter" steckt, was Schikane bedeutet, hat Stengel die Lektüre "spürbar" gemacht. Darüber, ob er Kurnaz' Anschuldigungen gegen seine Peiniger Glauben schenken soll, ist sich Stengel nicht völlig im Klaren, obgleich ihm dessen Bemühungen um Wahrhaftigkeit und Ausgewogenheit deutlich werden. Wäre die Hälfte davon wahr, räumt Stengel jedoch ein, wäre es noch "erschreckend genug".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2007
Ein "Dokument systematischer Folter und Barbarei" nennt Rezensent Michael Hanfeld diesen "Bericht aus Guantanamo", den Murat Kurnaz zusammen mit dem Journalisten Helmut Kuhn verfasst hat. Die Beschreibung der fünfjährigen Haftzeit zunächst im afghanischen Kandahar und dann auf Guantanamo erinnert ihn stark an die Exzesse aus dem amerikanischen Militärgefängnis von Abu Ghraib im Irak. Kurnaz berichte von Isolation in einem auf Nulltemperatur gebrachten Blechcontainer ohne Licht und fast ohne Sauerstoff, von Schlafentzug, Elektroschocks, Aufhängen an Metallketten, sexueller Demütigung und Schlägen. Auch wenn die Angaben letztlich nicht ohne Zweifel zu verifizieren sind, hält Hanfeld sie für glaubwürdig und nimmt nicht an, "dass Kurnaz übertreibt". Demgegenüber scheinen ihm Kurnaz' Ausführungen über seinen Aufenthalt in Pakistan zwei Wochen nach dem 11.September 2001 nicht ganz so überzeugend. Was er dort wirklich wollte, bleibt für Hanfeld im Dunkeln. Etwas skeptisch betrachtet er die schwärmerischen Äußerungen zum Islam, mit denen er wenig anfangen kann. Dass dem Buch "naturgemäß" jede Distanz zu dem Kurnaz widerfahrenem Unrecht fehlt, will er den Autoren nicht allzu negativ ankreiden. Er hält Kurnaz allerdings vor, auch an den Stellen, an denen er als Mensch vor uns stehe, vor dem "persönlichen Bekenntnis" ins "Religiös-Erbauliche" zu fliehen. Das nimmt dem Buch in Hanfelds Augen jedoch keineswegs seine Bedeutung als "Dokument systematischer Folter und Barbarei", die die USA im Zuge ihres "Kriegs gegen den Terror" in Guantanamo zulassen.
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